Am Abend schrieb sie an Gert Gram. Einen langen Brief, zart und traurig — aber es war ein Lebewohl für immer.
Am nächsten Tage löste sie eine Karte direkt bis Florenz. Beim ersten Morgengrauen saß sie am Abteilfenster nach einer schlaflosen Nacht im Zuge. Wildbäche hüpften silbrig über waldbewachsene Felshänge. Es wurde licht und lichter, die Städte, an denen sie vorüberflog, nahmen mehr und mehr italienischen Charakter an. Rostbraune und moosgoldene Dachziegel, Loggien an den Häusern, grüne Stabjalousien an rotgelben Hauswänden, barocke Kirchenfassaden, die Bogenreihen der Steinbrücken draußen im Fluß. Die Schilder auf den Stationen trugen jetzt deutschen und italienischen Text. Weinberge zeigten sich außerhalb der Städte und graue Burgruinen erschienen auf den Bergkuppen.
Ala. Sie stand an der Zollschranke, die verdrießlichen Passagiere aus der ersten und zweiten Klasse betrachtend — und war so sinnlos froh. Nun war sie wieder in Italien. Der Zollbeamte lächelte sie an, weil sie blond war, und sie lächelte zurück, weil er sie für die Kammerjungfer dieser oder jener Herrschaft hielt.
Die Felsketten wichen zur Seite, lehmgrau mit blauen Schatten in den Klüften, das Erdreich leuchtete rostrot, die Sonne flammte weiß und glühend auf.
In Florenz aber war es bitter kalt und trübe in diesen Novembertagen. Müde und verfroren irrte sie etwa vierzehn Tage in der Stadt umher, ihr Herz blieb kalt gegen all die Schönheit, die sie erblickte, und melancholisch und mutlos, weil sie sich nicht wie früher an ihr wärmen konnte. —
Eines Morgens fuhr sie nach Rom. Die Felder in der toskanischen Landschaft waren von weißem Reif bedeckt. Später am Tage lichtete sich der Nebel und die Sonne erschien. Sie sah die Stelle wieder, die sie nie vergessen konnte: Der Trasimenische See lag fahlblau zwischen den Felsen im Dunst. Ins Wasser hinaus schoß eine Landzunge mit den Türmen und Zinnen einer kleinen steingrauen Stadt. Eine Zypressenallee führte vom Bahnhof aus dort hinüber. —
In Rom hielt sie in strömendem Regen ihren Einzug. Gunnar war auf dem Bahnhof und nahm sie in Empfang. Er preßte ihre Hände, als er sie willkommen hieß. Während sie im Regen, der vom grauen Himmel auf das Straßenpflaster niederklatschte, nach der Wohnung ratterten, die er ihr verschafft hatte, fuhr er mutig fort zu plaudern und zu lachen. —
VIII.
Heggen saß am äußersten Ende des Marmortisches und nahm an der Unterhaltung fast nicht teil. Ab und zu schielte er zu Jenny hinüber, die sich, Whisky und Selter vor sich, in eine Ecke geklemmt hatte. Sie unterhielt sich übertrieben lebhaft quer über den Tisch mit einer jungen schwedischen Frau und nahm nicht im geringsten Notiz von den neben ihr sitzenden Dr. Broager und der kleinen dänischen Malerin, Loulou von Schulin, die beide versuchten, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Heggen sah, sie hatte wieder zuviel getrunken.
Sie bildeten eine kleine Schar von Skandinaviern und einigen Deutschen, die in einer Weinkneipe zusammengetroffen und jetzt am Ende der Nacht im hintersten Winkel eines düsteren Cafés gelandet waren. Die Gesellschaft hatte dem Alkohol reichlich zugesprochen und war sehr wenig gewillt, den Aufforderungen des Wirtes nachzukommen, zu gehen, da es weit über die vorgeschriebene Polizeistunde sei und er zweihundert Lire Strafe zu zahlen haben würde, ja sicher!