Wie schön sie ist, dachte er, als sie sich ihm zuwandte. Schlank und hell in dem festanliegenden stahlgrauen Kleide, wirkte sie so damenhaft fein und zugeknöpft, kühl und stilvoll. Und er wollte nicht glauben, was er selbst gedacht hatte —.
„Hattest du nicht übrigens mit Fräulein Schulin verabredet, sie heute Nachmittag zu besuchen, um dir ihre Sachen anzusehen?“
„Ja, ich gehe aber nicht hin.“ Sie wurde sehr rot. „Ehrlich gesagt, habe ich keine Lust, diese Bekanntschaft zu pflegen — an ihren Sachen ist wohl auch nicht viel zu sehen?“
„Nein, das weiß der Herrgott! Ich begreife nur nicht, wie du ihre Annäherungen gestern Abend zulassen konntest. Pfui, ich würde lieber einen Teller mit lebenden Mehlwürmern essen.“
Jenny lachte. Dann sagte sie ernst:
„Die Aermste, im Grunde ist sie wohl unglücklich.“
„Pah — unglücklich! Ich begegnete ihr in Paris vor einigen Jahren. Das Schlimmste ist ja, daß sie von Natur sicher gar nicht pervers ist. Nur dumm und eitel. Nun war das interessant. Wäre es modern gewesen, tugendhaft zu sein, so hätte sie auf einer Empore gesessen und Kinderstrümpfe gestopft, vielleicht sich hin und wieder damit beschäftigt, Rosen zu malen mit Tauperlen darauf. Sie wäre die tugendsamste aller Johanne Luisen im Danneweg gewesen — und obendrein fröhlich. Aber als sie den ‚Etatsrätlichen‘ entronnen war, von denen sie stammte, da wollte sie den übrigen nicht nachgeben, befreit und Malerin, und meinte, sie müsse sich jetzt einen Liebhaber anschaffen um ihrer Selbstachtung willen. Unglücklicherweise erwischt sie dann einen Tolpatsch, der sie in andere Umstände bringt. Er ist altmodisch und will, daß sie sich — völlig unmodern — heiraten und verlangt, sie solle das Kind warten und die Wirtschaft führen.“
„Du kannst ja gar nicht wissen — es kann ja zum Teil auch Paulsens Schuld gewesen sein, daß sie ihm davonlief.“
„Ja, natürlich war es seine Schuld. Er war altmodisch, wie gesagt, und fand Geschmack am häuslichen Glück, er bot ihr wohl zu wenig an Liebe und keine Prügel.“
„Ja ja, Gunnar. Du willst nun absolut haben, daß das Leben so verflucht leicht zu übersehen sein soll.“