Jenny erwiderte nichts.
„That the same goal is still on the same track,“ wiederholte Gunnar.
„Glaubst du,“ fragte Jenny, „daß es so leicht ist, zu seinem Ziel zurückzufinden?“
„Nein. Aber müßte man es nicht?“ sagte er beinahe kindlich.
„Was für ein Ziel hatte ich übrigens,“ sagte sie plötzlich hastig. „Ich wollte so leben, daß ich mich niemals zu schämen brauchte, weder als Mensch noch als Künstlerin. Niemals wollte ich etwas tun, von dem ich wußte, daß es nicht richtig sei. Rechtschaffen wollte ich sein, fest und gut und wollte niemals eines Menschen Schmerz auf mein Gewissen laden. Und darin bestand dann das ganze Verbrechen, das den Anfang bildete — woraus alles andere folgte? Daß ich mich nach Liebe sehnte, ohne daß ein bestimmter Mann da war, dem diese Sehnsucht galt. War das so seltsam? Daß ich so gern glauben wollte, als Helge kam, daß er es war, nach dem ich mich gesehnt? Daß ich es schließlich wirklich glaubte? Das war ja der Anfang, worauf das andere folgte. Gunnar — ich habe geglaubt, daß ich sie glücklich machen könnte — und dann tat ich ihnen nur weh.“
Sie hatte sich erhoben und wanderte im Zimmer auf und nieder:
„Glaubst du, daß die Quelle, von der du sprichst — glaubst du, daß sie jemals wieder rein und klar wird bei einer, die weiß, daß sie selber sie getrübt hat? Meinst du, es würde mir jetzt leichter, zu resignieren? Ich sehnte mich nach dem, wonach sich alle Frauen sehnen. Und ich sehne mich jetzt — wieder danach. Nur mit dem Unterschied, daß ich jetzt weiß, ich habe eine Vergangenheit. Und eine Folge davon ist, daß ich das einzige Glück, das ich anerkenne, nicht annehmen darf — denn es sollte frisch und gesund und rein sein — und das alles bin ich selbst nicht mehr. Ich muß weiter eine Sehnsucht mit mir schleppen, deren Erfüllung — oh, ich weiß es — unmöglich ist. Diese Sehnsucht ist also mein Schicksal, mein ganzes Leben ist durch sie gezeichnet.“
„Jenny,“ — Gunnar erhob sich ebenfalls — „ich behaupte dennoch, es kommt auf dich selbst an — es muß so sein. Ob es dein Wille ist, daß diese Erinnerungen dich vernichten oder ob du sie als ein Lehrgeld betrachten willst, so grausam hart es sich auch anhört. Das Ziel, das du einstmals vor dir hattest, war, glaube ich, das richtige — für dich.“
„Kannst du dir denn nicht vorstellen, daß das unmöglich ist, mein Junge. Es hat sich etwas in mich hineingeschlichen wie eine Säure, die alles zerfrißt, was einst mein Wesen war; ich fühle selber, wie ich inwendig zerfalle. — Oh. Und ich will doch nicht, ich will nicht. Und ich habe ein Verlangen nach — ich weiß nicht —. Will alle Gedanken zum Stillstand bringen. Sterben —. Oder leben — ein wahnsinniges, abscheuliches Dasein, zugrunde gehen in einem Elend, das noch fürchterlicher ist als dies —. Laß mich so tief in den Schmutz treten, daß ich spüre, hiernach kommt das Ende. Oder —“ sie sprach leise und wild, es klang wie erstickte Schreie — „mich unter einen Eisenbahnzug schleudern — mit dem Bewußtsein der letzten Sekunden, daß jetzt — jetzt gleich — mein ganzer Körper, Nerven und Hirn und Herz, — alles — zu einem einzigen zuckenden blutigen Klumpen zermalmt ist.“
„Jenny!“ schrie er auf. Er war fahl im Gesicht geworden. Dann flüsterte er mühsam: „Ich kann dich nicht so sprechen hören.“