„Ich sehe, du hast eine ganze Anzahl Bilder stehen —.“

Er erhob sich plötzlich, ging durch das Zimmer, kam aber gleich darauf zurück und setzte sich wieder hin. Jenny senkte den Kopf, sie fühlte, wie er sie dauernd anstarrte.

Dann sprach er wieder — sie versuchten, sich mit einander zu unterhalten, er fragte nach Franziska Ahlin und anderen gemeinsamen Bekannten. Doch das Gespräch starb schnell wieder hin, und er saß stumm da und starrte sie an wie vorher.

„Weißt du, daß meine Eltern sich scheiden ließen?“ fragte er plötzlich.

Sie nickte.

„Ja.“ Er lachte kurz. „Sie hielten ja unsertwegen solange miteinander aus. Prallten aneinander und rieben sich wie zwei Mühlsteine, bis all unser Gut zwischen ihnen zu Pulver vermahlen war. Jetzt war wohl nichts mehr übrig, was zerrieben werden konnte, so blieb die Mühle stehen —. O ja. Ich besinne mich auf die Zeit, als ich ein Knabe war. Wenn sie miteinander sprachen — sie schlugen sich ja nicht gerade. Aber in ihren Stimmen lag etwas —. Mutter schalt übrigens, hatte einen großen Mund und weinte schließlich. Vater war nur ruhig und still, aber ein Klang war in seiner Stimme, ein Haß, so kalt und hart, daß es wie mit Messern schnitt. Ich lag drinnen im Schlafzimmer und wurde von einer Art Zwangsvorstellung geplagt, wenn ich es so nennen darf. Welch ein Genuß müßte es sein, eine Stricknadel zu nehmen und quer durch den Kopf zu stechen, in das eine Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Die Stimmen schmerzten rein physisch im Trommelfell, verursachten einen Schmerz, der sich gewissermaßen durch den ganzen Kopf fortpflanzte, weißt du —. Das war also der Anfang. Nun haben die beiden ihre Pflicht als Eltern getan. Jetzt ist es aus —.“

Er nickte ein paar Mal vor sich hin.

„Es ist so häßlich. Diesen Haß meine ich — alles wird so häßlich, was in seine Nähe kommt. Ich besuchte vergangenen Sommer meine Schwester. Wir sympathisierten ja nie miteinander — aber —. Es war abscheulich, sie mit dem Manne zusammen zu beobachten. Manchmal küßte er sie, nahm die Pfeife aus dem dicken, feuchten Munde und küßte seine Frau. Ein Papst auf dem Predigerstuhl, und daheim praßt er —. Sofie wurde mitunter ganz weiß, wenn er sie anrührte. Dann du und ich. Ich fand es später so selbstverständlich, daß alles zerbrechen mußte, all das feine, weiche Lichtgrüne zwischen uns — erfrieren mußte in dieser Luft. Als ich dich damals verlassen hatte, bereute ich es. Ich wollte schreiben — aber weißt du, warum ich es nicht tat? Ja, ich erhielt einen Brief von meinem Vater, er erzählte, daß er bei dir gewesen sei. Es war eine Mahnung, weißt du, daß ich versuchen sollte, die Verbindung mit dir wieder aufzunehmen —. Darum schrieb ich nicht, ich hatte eine abergläubische Furcht davor, einem Rat aus jener Richtung zu folgen —. Dann habe ich mich die ganze Zeit über nach dir gesehnt und von dir geträumt, Jenny. Alle Erinnerungen wieder und wieder hervorgeholt. Weißt du, welchen Ort ich hier in Rom zuerst aufsuchte — gestern? Ich war draußen auf der Montagnola. Ich fand unsere Namen in den Kaktusblättern wieder —.“

Jenny saß bleich mit geballten Händen da.

„Du siehst genau so aus wie früher. Und hast doch drei Jahre verlebt, von denen ich nichts weiß,“ sagte Helge leise. „Jetzt, wo ich wieder mit dir zusammen bin, kann ich es nicht fassen. Es ist, als sei es alles nicht wahr, was zwischen uns liegt, seit wir uns hier in Rom trennten —. Und jetzt gehörst du vielleicht einem anderen —.“