Keine Frau hat je das Kind geboren, von dem sie träumte, als sie schwanger ging. Kein Künstler hat je das Werk geschaffen, das er in der Stunde der Eingebung vor sich sah. Wir erleben Sommer auf Sommer, aber keiner ist wie der, den wir herbeisehnten, als wir uns niederbeugten und die ersten nassen Blüten unter den Sturmschauern des Lenzes pflückten.
Keine Liebe wurde so, wie sie zwei erträumten, die einander zum ersten Male küßten. Hätten wir, du und ich, zusammen gelebt — wir hätten glücklich oder auch unglücklich mit einander werden können; wir konnten einander unsagbare Freude oder unsagbares Leid zufügen. Jetzt aber werde ich niemals erfahren, wie unsere Liebe geworden wäre, wenn du mir angehört hättest. Das Einzige, was ich weiß, ist: so, wie ich sie erträumte in jener Nacht, als ich mit dir zusammenstand, und der Springbrunnen im Mondenschein plätscherte — so wäre unsere Liebe nicht geworden. Und das ist bitter. — —
Dennoch. —
Herr mein Gott — ich wünsche nicht, daß ich diesen Traum nie geträumt hätte. Und ich möchte den Traum nicht missen, dem ich mich jetzt hingebe.
Jenny, mein Leben wollte ich opfern, könntest du mir droben auf der Bergklippe begegnen wie einst, könntest du mich küssen, mir nahe sein — einen Tag nur, eine Stunde. — Ständig, unablässig muß ich daran denken, wie unser beider Leben sich gestaltet hätte, wenn du nicht von mir gegangen, wenn du mein eigen geworden wärest. Ach Jenny, ein grenzenloses Glück ist verspielt. Du bist nicht mehr und hast mich so arm, so arm gemacht. Nur meine armseligen Träume umweben dich und irren ruhelos umher, dich zu suchen. — Und dennoch. Messe ich meine Armut an der Anderen Reichtum, so dünkt sie mich überwältigend reich und strahlend. Sollte ich sie auch mit meinem Leben bezahlen, so würde ich doch nimmer meine Liebe zu dir, meine Träume und meinen Gram um dich, wie er mich jetzt zerreißt, hingeben ....“
Gunnar Heggen wußte nicht, daß er in seines Herzens grenzenlosem Aufruhr seine Arme gen Himmel streckte und halblaut vor sich hinflüsterte. Die Anemonen, die er gepflückt, hielt er noch immer in seinen Händen, aber er wußte es nicht.
Die Soldaten auf der Kasernenmauer lachten über ihn, aber er sah es nicht. Er preßte die Blumen gegen seine Brust und murmelte leise vor sich hin, während er sich von dem Sonnenschein, der über dem Grabe lag, langsam dem dunklen Zypressenhain zuwandte.
Ende.
In demselben Verlage erschienen:
HARALD BERGSTEDT