Draußen standen die hohen stillen Häuser in der grauen Dämmerung — schliefen mit geschlossenen Läden in allen Stockwerken. In einer Seitenstraße ratterte eine klappernde Straßenbahn vorüber, eine Droschke holperte über das Steinpflaster, und hier und da schlich eine verfrorene, schläfrige Gestalt den Bürgersteig entlang.

Sie bogen in eine Straße ein, an deren Ausgang man den Obelisk vor der Trinitat dei-Monti-Kirche erblicken konnte — er hob sich weiß gegen des Pincio schwarze Steineichen ab. Nicht eine Menschenseele war zu sehen und nicht ein Laut zu hören außer ihren eigenen Schritten auf den Steinen und dem Rieseln einer kleinen Fontäne in irgend einem Hofe. Und weit entfernt durch die Stille plätscherte der Springbrunnen auf dem Monte Pincio gegen das steinerne Becken. Helge erkannte den Ton wieder, und als sie dem Laut nachgingen, schoß in ihm ein feiner zarter Strahl von Glückseligkeit auf — es war, als erwarte ihn seine eigene Freude vom verflossenen Abend da droben an dem springendem Quell unter den Steineichen.

Er wandte sich an Jenny, ohne zu ahnen, daß seine Augen und seine Stimme für seine kleine Freude baten:

„Hier oben stand ich gestern abend und sah die Sonne untergehen. Es war so wunderlich. Jahrelang habe ich dafür gearbeitet — mein Wunsch war es, Archäologe zu werden. Aber nach meinem zweiten Examen mußte ich die Lehrtätigkeit ergreifen. Immer habe ich auf den Tag gewartet, an dem ich hierher kommen würde — mich gleichsam darauf vorbereitet. Und doch — als ich dann hier stand, so plötzlich — war ich gänzlich unvorbereitet.“

„Ja,“ meinte Jenny, „ich verstehe das sehr gut.“

„Uebrigens, als ich gestern aus dem Zug gestiegen war, da sah ich es gleich alles vor mir liegen: die Ruinen der Termen, die schweren, gelben, von der Sonne überfluteten Mauerreste, und mitten unter ihnen die großartigen Neubauten mit Kaffees und Kinematographen, die Straßenbahnen auf dem Platz, die Anlagen und die herrlichen Springbrunnen mit ihren übervollen Wasserbecken ... Die alten Mauern inmitten der modernen Häuserblocks und das Getriebe der Stadt ringsumher — gerade das fand ich so schön.“

„Ja,“ sagte sie mit fröhlicher Stimme und nickte. „Ich liebe es auch sehr.“

„Und dann ging ich hinab. Altertum und Neuzeit vereint! Ueberall Springbrunnen, rieselnd und rauschend und plätschernd. Ich ging geradenwegs zum St. Peter; es dunkelte, als ich dort ankam, und ich stand und betrachtete die beiden Fontänen auf dem Platz. Hier in der Stadt springen sie wohl die ganze Nacht hindurch.“

„Die ganze Nacht — fast überall hört man Springbrunnen. Die Straßen hier sind ja so still des Nachts. Dort, wo wir wohnen, Franziska und ich, ist eine kleine Fontäne unten im Hof. Wir haben einen Balkon vor unseren Zimmern, und wenn es abends milde ist, sitzen wir draußen und lauschen dem Rinnen bis in die tiefe Nacht hinein.“

Sie hatte sich auf das Steingeländer gesetzt. Helge Gram stand am gleichen Ort wie am Abend vorher und sah wieder über die Stadt mit ihren Höhenzügen im Hintergrund, den grauweißen und verwitterten. Und der Himmel spannte sich darüber so hell und klar wie über dem Hochgebirge. Er sog die reine, eiskalte Luft in vollen Zügen ein.