Jenny stieg ein paar Treppenstufen hinan und hob den Zipfel eines Türvorhanges in die Höhe, der einer schlottrigen Matratze ähnlich sah. Sie standen in einer winzig kleinen Kirche.
Auf dem Altar brannte Licht. Der Schein brach sich mannigfaltig in den Messingstrahlen des Glorienkranzes über dem Monstranzschrank, flimmerte unruhig auf Leuchtern und Metallgegenständen und ließ die Papierrosen in den Vasen auf dem Altar blutigrot und goldgelb erglühen. Ein Priester las, mit dem Rücken gegen das Publikum, lautlos in einem Buche; ein paar Chorknaben huschten hin und her, neigten und bekreuzten sich und machten Bewegungen, deren Sinn Helge nicht verstand.
Sonst war der kleine Kirchenraum dunkel — in zwei Seitenschiffen flackerten winzige Nachtlämpchen, an dunkelleuchtenden Metallketten vor Bildern schwebend, die noch düsterer erschienen als die Dunkelheit.
Jenny Winge kniete auf einem Rohrschemel nieder. Sie legte ihre Hände gefaltet vor sich auf das Pult und beugte den Kopf leicht hintenüber, so daß ihr Profil sich scharf gegen den weichen Goldglanz der Lichter abhob, der in dem hochgestrichenen Haarschopf flimmerte und sanft über die schlanke nackte Wölbung des Halses hinfloß.
Heggen und Ahlin holten sich lautlos ein paar Rohrstühle herbei, die um eine der Säulen übereinandergestapelt waren.
Dieser stille Gottesdienst vor Tagesgrauen war eigentlich seltsam und stimmungsvoll. Gram folgte gespannt jeder Bewegung des Priesters am Altar. Einer der Chorknaben hängte ihm ein weißes Tuch mit einem goldenen Kreuz über die Schultern. Jetzt nahm der Priester die Monstranz vom Schrank über dem Altar, wandte sich um und hielt sie hoch ins Licht. Die Knaben schwenkten die Weihrauchkessel; kurz darauf drang scharfer, süßlicher Rauch zu ihnen hinüber. Helge wartete jedoch vergebens auf Musik oder Gesang.
Jenny kokettierte augenscheinlich ein wenig mit dem Katholizismus, indem sie niederkniete. Heggen starrte geradeaus auf den Altar, er hatte den einen Arm um Franziskas Schulter gelegt — sie war eingeschlummert und hatte sich an ihn geschmiegt. Ahlin konnte er nicht sehen, er saß hinter einer Säule und schlief sicher ebenfalls.
Seltsam war es, hier mit diesen wildfremden Menschen zu sitzen. Helge fühlte sich einsam — aber jetzt schmerzte dieser Gedanke nicht. Jene freie, glückliche Stimmung vom vergangenen Abend kehrte zurück —. Er betrachtete die anderen, die beiden jungen Mädchen. Jenny und Franziska — er wußte nun ihre Namen, viel mehr aber auch nicht. Und keine von ihnen ahnte, was es für ihn bedeutete, hier zu sitzen, was er nun alles zurückgelassen hatte, all die schmerzlichen Kämpfe daheim, vor denen er geflohen. Niemand kannte die Hindernisse, an denen er sich müde gearbeitet, die Fesseln, die ihn eingeschnürt hatten. Eine wundersame, fast hochmütige Freude erfüllte ihn bei diesem Gedanken, und seine Augen ruhten mit nachsichtigem Mitleid auf den beiden Frauen. So junge Dinger wie Cesca und Jenny, unverbraucht und frisch, mit kleinen unumstößlichen Ansichten hinter den weißen, glatten Jungmädchenstirnen. Zwei frische hübsche Mädels, die ihren geraden Weg durchs Leben schritten, hier und da, wie zum Zeitvertreib, wohl ein kleines Steinchen beiseite räumen mußten, von Schicksalen wie dem seinen aber nichts wußten.
Er fuhr auf, als Heggen seine Schultern berührte, und errötete; er war eingenickt.
„Nun, Sie haben auch einen kleinen Schlummer getan, wie ich sehe“, sagte Heggen.