Sie traten auf einen offenen Platz hinaus. Hier umfing sie die Sonne mit ihren weißen weichen Strahlen und befreite sie vom letzten Hauche klammer, dumpfer Luft aus den kleinen Gassen, die sie durchwandert hatten. Jenseits des Platzes war der Erdboden kreuz und quer zerwühlt, Berge von Schutt und Müll und Stapel alten Gerölls lagen einträchtig beieinander. Alte, verfallene Häuser, zum Teil halb niedergerissen mit gähnenden Höhlen, vervollständigten in Gemeinschaft mit antiken Ruinen das Bild der Verwüstung.
An einigen zerstreut liegenden Gebäuden vorbei, die verlassen standen, als habe man nur vergessen, sie niederzureißen, gelangten Jenny und Helge auf den Platz am Vestatempel. Hier lag die große neue Dampfmühle und dort das schöne alte Kirchlein mit seiner Säulenhalle und dem schlanken Glockenturm. Und im Hintergrunde stieg der Aventinerhügel klar zum sonnigen Himmel empor, mit den Klöstern auf dem Gipfel, staubiggrauen Bogen namenloser Ruinen in den Gärten auf den Hängen, überwuchert von schwarzem Efeu, grauem kahlen Dorngebüsch und gelbem, winterwelken Gras.
Immer wieder hatten diese Ruinen ihn enttäuscht, in Deutschland wie in Florenz. Er hatte von ihnen gelesen und sie im Geiste mit einem romantischen Rahmen aus grünem Laub umgeben. Blumen sah er in den Mauerspalten blühen, wie auf alten Kupferstichen oder Theaterkulissen. In Wirklichkeit waren sie schmutzig und verstaubt; vergilbtes Papier, zerbeulte Blechbüchsen, schmutziger Abfall hatte sich ringsum angesammelt, rauhe, winterliche Luft entströmte dem Gemäuer. Die einzige Vegetation des Südens bildeten grauschwarzes Immergrün, nacktes dorniges Gebüsch und das welke, farblose Gras.
An diesem sonnigen, durchsichtigen Morgen aber wurde es ihm plötzlich klar, daß sie, betrachtete man sie mit den rechten Augen, dennoch schön sein konnten. —
Hinter der Kirche schlug Jenny einen Weg ein, der zwischen Gärten hindurch führte. Pinien ragten dahinter auf und der Efeu fiel in losen Ranken über die Mauern. Sie machte Halt und entzündete eine Zigarette.
„Ja,“ erklärte sie, „ich bin dem Tabak verfallen, doch Cesca verträgt das Rauchen nicht, ihres Herzens wegen, darum muß ich mich mäßigen, wenn sie dabei ist; hier draußen dampfe ich wie eine Lokomotive — da sind wir.“
Ein kleines gelbes Haus lag vor ihnen, von einem Reisiggitter eingezäunt. Im Garten standen ein Tisch und Bänke unter zwei großen, kahlen Ulmen, und eine Laube, aus Binsen geflochten. Jenny begrüßte vertraulich ein altes Weib, das in die Tür getreten war.
„Wie wär’s mit einem Frühstück, Kandidat Gram —?“
„Kein übler Gedanke. Vielleicht etwas starken Kaffee — und Brot und Butter —.“
„Gott segne Sie — Kaffee! und Butter! Eier und Brot und Wein — Salat und Käse vielleicht —. Ja, sie hat Käse, sagt sie. Wieviele Eier möchten Sie haben?“