Gunnar hat mich auch Malen gelehrt. Ich zeichnete immer als Kind — es fiel mir so leicht. Dann traf ich ihn einmal im Gebirge vor drei Jahren — ich war dort oben, um zu arbeiten. Ein wenig kannte ich ihn ja von früher her. Ich war also dort und malte Bilder — furchtbar ordentlich, aber ohne jede Spur von Kunst. Ich wußte es selbst sehr gut, kannte aber den Grund nicht. Ich wollte etwas in meine Bilder hineinbringen, aber ich wußte nicht recht, was, und ich ahnte nicht, wie ich mich dabei anstellen sollte. Aber dann sprach ich mit ihm. Zeigte ihm meine Sachen. Er konnte viel weniger als ich — ich meine technisch. Er ist auch nur ein Jahr älter als ich. Was er aber gelernt hatte, das beherrschte er. Ja, ich malte dann zwei Sommernachtsbilder. Dieses wundersame clairobscur — alle Farben liegen so tief, sind aber doch leuchtend stark. — Natürlich waren die Bilder nicht gut. Aber etwas war in ihnen, wie ich es haben wollte — ich konnte sehen, daß ich sie gemalt hatte, und nicht irgend ein anderes Mädel, das ein bißchen gelernt hatte —. Verstehen Sie mich? Ich habe ein Motiv hier draußen gefunden: einen anderen Weg zur Stadt. Wir gehen einmal da herunter. Es ist ein Weg zwischen zwei Gartenmauern — ganz schmal. An einer Stelle stehen zwei Portale im Barockstil mit Eisengittern. An jeder Seite erhebt sich eine Zypresse. Ich habe ein paar Federzeichnungen gemacht und sie ausgetuscht. Ueber den Zypressen schwebt eine schwere, tiefblaue Wolke, ein Schimmer von grünlicher Luft und ein blinkender Stern; Dächer und Kuppeln der Stadt weit, weit drinnen sind nur leise angedeutet —. Es sollte so ein gewisses Pathos haben, wissen Sie —.“
Es begann bereits stark zu dämmern. Ihr Antlitz leuchtete bleich unter dem Hut.
„Nicht wahr, finden Sie nicht — ich muß wieder gesund werden, um zu arbeiten —.“
„Ja,“ flüsterte er. „Ach ja — Liebste —.“
Er hörte, wie schwer sie atmete. Ein Weilchen war es still. Dann sagte er leise:
„Wieviel Freude Sie an Ihren Freunden haben, Fräulein Jahrmann.“
„— Und ich wünschte, daß alle Menschen meine Freunde wären. Ich will allen gut sein, verstehen Sie.“ Sie sagte das ganz leis, während sie tief aufatmete.
Helge Gram beugte sich plötzlich nieder und küßte ihre Hand, die weiß und klein auf dem Tische vor ihm lag.
„Ich danke Ihnen,“ flüsterte Franziska still.
Sie saßen einen Augenblick schweigend.