Unterdes pflegte er mit Franziska in der Ofenecke zu sitzen und zu erzählen. Es geschah auch, daß Cesca plötzlich die Idee hatte, häuslich zu sein; Jenny sollte sich setzen und feiern. Jenny wollte es nicht zugeben, aber Cesca räumte auf wie ein Wirbelwind und verstaute alle umherliegenden Kostbarkeiten an Orten, wo Jenny sie niemals wiederfand. Zuletzt klopfte sie fehlende Reißzwecken in die schief hängenden Bilder, die sich auf den Wänden zusammenrollten, wobei sie ihren eigenen Schuh als Hammer benutzte.
Gram konnte nicht recht klug aus Franziska werden. Sie war immer freundlich und liebenswürdig gegen ihn, niemals aber so von innen heraus vertraulich wie an jenem Tage auf der Ponte Molle. Mitunter schien sie so eigentümlich geistesabwesend — es war, als erfaßte sie überhaupt nicht, was er sprach, obgleich sie freundlich antwortete. Einige Male hatte er das Gefühl, als ob er sie ermüde. Fragte er, wie es ihr ginge, so antwortete sie meist überhaupt nicht. Und als er einmal ihr Bild mit den Zypressen erwähnte, sagte sie, allerdings auf eine sehr liebe Art:
„Sie dürfen nicht böse sein, Gram, aber ich möchte nicht von meiner Arbeit sprechen, solange sie nicht fertig ist, jedenfalls nicht jetzt.“
Eine gewisse Ermunterung bedeutete es ihm, als er merkte, daß Bildhauer Ahlin ihn nicht leiden konnte. Der Schwede sah also immerhin einen Rivalen in ihm —. Im übrigen hatte er den Eindruck gewonnen, als ob Franziska sich von Ahlin zurückgezogen hätte.
Wenn er für sich allein war, malte Helge sich in Gedanken aus, was er Cesca erzählen wollte und führte im Geiste lange Gespräche mit ihr. Er sehnte sich danach, mit ihr zu sprechen wie an jenem Tage an der Ponte Molle, er wollte ihr zum Dank für ihr Vertrauen von seinem eigenen Leben berichten. Wenn er sie aber traf, so war er unsicher und nervös und wußte nicht, wie er das Gespräch auf das lenken sollte, worüber er zu sprechen wünschte. Er fürchtete, aufdringlich oder taktlos zu erscheinen, etwas zu tun, wodurch er in ihren Augen verlieren könnte. Sie fühlte seine Verlegenheit wohl und kam ihm zu Hilfe, verwickelte ihn in einen Wortstreit, kicherte mit ihm, so daß es ihm ein Leichtes wurde, auf den Neckton einzugehen und in ihr Lachen einzustimmen —. Im Augenblick war er ihr dankbar, sie füllte leicht und behende alle Pausen aus und half ihm, jedesmal, wenn er sich festgefahren hatte, wieder weiter. Erst hinterher, zu Hause, empfand er die Enttäuschung. Es war wieder nichts anderes gewesen als Geplauder über allerlei muntere Nichtigkeiten.
War er aber mit Jenny allein, so wurde immer ein vernünftiges Gespräch über solide Dinge geführt. Hin und wieder fand er diese ernsten Diskussionen über abstrakte Materien etwas ermüdend. Aber häufig liebte er auch diese Unterhaltungen, weil das Gespräch von allgemeinen Verhältnissen auf seine persönlichen überging. Nach und nach erzählte er ihr sehr viel von sich selber, von seiner Arbeit, den Schwierigkeiten, die sich ihm nach seiner Ansicht in äußeren Umständen wie in seinem eigenen Wesen entgegenstellten. Daß Jenny Winge nicht von sich selbst sprach, merkte er kaum, wohl aber, daß sie es vermied, das Problem Franziska mit ihm zu erörtern.
Es fiel ihm auch nicht auf, daß er so wie mit Jenny niemals mit Franziska würde reden können, die ihn für weit weit bedeutender, stärker und sicherer halten würde, als er in seinen eigenen Augen war —.
Weihnachtsabend waren sie alle im Verein gewesen und gingen darauf zur Mitternachtsmesse in die S. Luigi dei Franchesi.
Helge fand die Messe zuerst sehr stimmungsvoll. In der ganzen Kirche herrschte Halbdunkel trotz der schimmernden Kristallkronen, die freilich hoch oben unter der Decke schwebten. Die Altarwand war ein einziges Lichtmeer, aus dem weichen, goldenen Schein unzähliger Wachslichter zusammenfließend. Chorgesang und Orgelton zitterten gedämpft durch den Kirchenraum. — Er saß neben einer schönen Italienerin, die einem sammetgefütterten Juwelenkästchen einen Rosenkranz aus Lapislazuli entnahm und in ein andächtiges Gebet versank.
Nach einer kurzen Zeit aber begann Franziska halblaut zu murren. Sie saß mit Jenny auf der Bank vor ihm.