Alle Freunde, die sie gehabt — vom Stiefvater bis zu Cesca und Gunnar — alle hatten zuerst die Hand nach ihr ausstrecken müssen.

Dann das andere: War sie wirklich die leidenschaftliche Natur, für die sie sich selbst hielt? Ach! Sie war achtundzwanzig Jahre alt geworden, ohne je das kleinste Gefühl der Liebe gekannt zu haben. Und diese Tatsache berechtigte sie zu dem Vertrauen zu sich selbst, daß sie als Frau nicht Schiffbruch erleiden würde, sollte sie jemals einen Mann lieben. Gesund und schön war sie auch — mit frischen Sinnen, die noch empfänglicher geworden durch ihre Arbeit und ihr Leben in der Fremde. Selbstverständlich sehnte sie sich danach, zu leben und geliebt zu werden — leben zu dürfen.

Sich jedoch selber weiszumachen, daß sie einer beliebigen Mannsperson in die Arme fliegen würde, die im kritischen Augenblick ihren Weg kreuzte — nur weil das Blut aufsässig war ...! Einbildungen, mein Kind! Im Grunde wollte sie sich nur nicht eingestehen, daß sie sich hin und wieder ein wenig langweilte und ganz einfach das Verlangen empfand, eine kleine Eroberung zu machen und ein wenig umschwärmt zu werden wie die kleinen Mädchen — was sie sonst eigentlich als ein niedriges Verlangen ansah. So zog sie es vor, das Gefühl feierlich als Lebenshunger auszulegen und sehnsüchtige Sinne vorzutäuschen, Faseleien, auf die die armen Männer gekommen waren, weil die Aermsten nicht wissen, daß die Frauen im allgemeinen gewöhnlich eitel und dumm sind, so daß sie sich langweilen, wenn sie nicht einen Mann zur Unterhaltung haben. Daher die ganze Fabel von den sinnlichen Frauen, die ebenso selten zu finden sind wie schwarze Schwäne und disziplinierte, guterzogene Frauen.

Jenny stellte das Bildnis von Franziska auf die Staffelei. Die weiße Bluse und der grüne Gürtel lagen jetzt noch hart und häßlich auf. Die Farben mußten gedämpft werden. Das Antlitz versprach gut zu werden, die Stellung war natürlich. —

Jedenfalls war kein Grund vorhanden, wegen dieser Geschichte mit Gram feierlich zu werden. Sie mußte doch weiß Gott einmal beginnen sich natürlich zu geben; diese Angst, die auch in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft mit Gunnar in ihr war, und die sie immer empfand, wenn ein neuer Mann in ihren Gesichtskreis trat, Angst davor, daß sie sich in ihn verlieben könnte oder er sich in sie, mußte sie abzustreifen suchen. Der Gedanke, daß ein Mann an ihr Gefallen finden könnte, war ihr so ungewohnt, daß auch er ihr Angst einflößte und sie verwirrte.

Man mußte doch gut Freund miteinander sein können; es wäre ja sonst traurig bestellt um die Menschheit. Gunnar und sie waren ja Freunde — ruhig und fest. Zwischen ihr und Gram war so vieles, das die Grundlage einer Freundschaft hätte bilden können. Sie hatten soviel Gleiches durchgemacht.

Etwas so Junges und Vertrauensvolles lag in seinem Wesen ihr gegenüber. Dieses „Nicht wahr?“ und „Finden Sie nicht?“, mit dem er immer kam.

Sein Gerede von gestern, daß er sie liebe — oder zu lieben glaube, wie er sich ausdrückte! Sie lachte vor sich hin. Nein, ein erwachsener Mann sprach nicht so, wenn er eine Frau ernstlich liebte und gewinnen wollte.

Er war wirklich ein lieber Junge.

Heute hatte er diese Frage gar nicht berührt.