„Ja, das war ich. Ich kam eigentlich nicht ganz darüber hinweg, erst, als ich hier war. Es war sicher vor allem meine Eitelkeit, welche litt. Wenn ich sie wirklich geliebt hätte, so hätte ich wünschen müssen, daß sie mit dem anderen glücklich würde, den sie jetzt geheiratet hat. Das war aber durchaus nicht der Fall.“

„Das wäre wohl ein bißchen zu viel Edelmut gewesen,“ sagte Jenny lächelnd.

„Ich weiß nicht. Dies Gefühl müßte man eigentlich haben, wenn man wirklich liebte. Nicht wahr? Aber wissen Sie, was ich so sonderbar finde? Daß Mütter gegen die Bräute ihrer Söhne so wenig freundlich gestimmt sind. Das ist nämlich immer dasselbe.“

„Eine Mutter meint wohl, keine Frau sei gut genug für ihren Jungen.“

„Ja, es ist aber nicht so, wenn die Töchter sich verloben. Ich sah es doch bei dem ekelhaften, rothaarigen, fetten Kaplan. Ich habe niemals mit meiner Schwester sympathisiert. Wenn ich aber daran dachte, daß dieser Kerl — pfui. Wenn er zu Hause saß, und mit ihr koste ... Nein, wissen Sie, ich habe manchmal überlegt: Wenn Frauen eine Zeitlang verheiratet gewesen sind, werden sie weit zynischer als wir Männer. Sie sagen es nicht, aber ich merke es dennoch, wie zynisch sie im tiefsten Herzensgrunde geworden sind. Das Ganze ist ihnen nur ein Geschäft — wenn die Tochter sich verheiratet, so sind sie froh. Nun hat man sie einem Kerl auf den Hals geladen, der sie mit sich schleppen, sie ernähren und kleiden muß. Daß sie sich als Gegenleistung in die Pflichten der Ehe zu finden hat, ist kein Grund, um die Sache besonders feierlich zu nehmen. Wenn dagegen ein Sohn für die gleiche Gegenleistung eine solche Last auf sich lädt, so sind sie naturgemäß nicht so begeistert. Glauben Sie nicht, daß darin ein Körnchen Wahrheit steckt?“

„Mitunter trifft es wohl zu,“ sagte Jenny.

Als Jenny abends heimkehrte, zündete sie die Lampe an und begann an die Mutter zu schreiben — sie wollte am liebsten gleich für die Geburtstagsgrüße danken und berichten, wie sie den Tag verlebt hatte.

Ueber ihre eigene Feierlichkeit am vergangenen Abend mußte sie lachen.

Ach, Herrgott! Ja, gewiß hatte sie es bitter gehabt und war einsam gewesen. Aber schwer hatten es eigentlich die meisten jungen Menschen, die sie gekannt. Viele noch weit schlimmer als sie. Sie brauchte nur an alle die alten und jungen Mädchen, Lehrerinnen auf der Volksschule, zu denken. Beinahe die meisten hatten eine alte Mutter zu versorgen oder Geschwister, denen sie vorwärtshelfen mußten. Auch Gunnar — und jetzt wieder Gram —. Sogar Cesca — das verwöhnte Geschöpf aus einem reichen Hause — mit ihren einundzwanzig Jahren hatte sie alle Brücken hinter sich abgebrochen und sich seitdem durchgehungert und vorwärtsgearbeitet, wobei ihr nur das kleine Muttererbe ein wenig half.

Und was ihre eigene Einsamkeit betraf, so hatte sie die ja selbst gewählt. Stellte sie eins zum anderen, so war der Grund dafür wohl der, daß sie ihren eigenen Fähigkeiten mißtraute. Und um den Zweifel totzuschweigen, hatte sie sich daran geklammert, daß sie etwas Besonderes sei, etwas ganz Anderes als ihre Umgebung. Sie hatte die anderen selbst von sich gestoßen. Nun sie ein Stück Wegs erobert hatte, sich bewußt war, daß sie zu etwas taugte, da war sie ja weit umgänglicher geworden, weit menschenfreundlicher. Sie mußte zugeben, daß sie nie versucht hatte, anderen entgegenzukommen, weder als Kind noch als Erwachsene. Sie war zu hochmütig gewesen, den ersten Schritt zu tun.