an sie verschwendet. Es fiel ihr gar nicht ein, eine Gegnerinn zu verfolgen, die sie sich nicht einmal zu besichtigen wagte.
Unterdessen wurde mit der Zeit durch die Gewohnheit ans Schauspiel sein Eindruck vermindert. Leute ohne Namen, Scharlatane, frecher, oder gewinnsüchtiger, als die Doktoren, fanden sich zu einem Kampfe ein, dessen Sieg sie treflich bereichern müßte. Für den Erfolg konnten sie nicht stehen, aber wenigstens brachten sie doch die Hofnung aufs Geld.
Man machte Versuche; man wagte Eintrichterungen von Säften; man erholte sich bei chymischen Zubereitungen Raths; man zog China und Amerika zur Steuer; man bannte den Hyppokrates ins Leben; dennoch erhielt man keine Kenntnisse, und zankte sich schon mit vieler Hitze über die Mittel, sich dieselben zu verschaffen.
Endlich kam bei dieser Gelegenheit, wie bei allen andern, das Ungefähr der Wissenschaft zu Hilfe. Man hatte eine flüßige Materie unter den Händen, weiß wie Silber, und schwerer, als es; aber bekannt, durch ihre Eigenschaft, sich an die andern Metalle anzuhängen, und selbst unter die Metalle gerechnet, ohne daß man viel wußte, warum. Niemand konnte sich einfallen lassen, daß dieß mit Fette abgetrieben, und auf die Haut gelegt, oder mit andern Ingredienzien, die seine Wirksamkeit mäßigen konnten, vermischt, und zu trinken gegeben, den glücklichen Erfolg haben sollte, diese Fremdlinginn, deren Aufenthalt ihren Gastfreunden so verderblich war, zur Flucht zu zwingen.
Wirklich behauptet man, daß manche sehr erfahrne Araber in einigen Umständen sich dessen schon bedienet haben. Sie brauchen es, sagt man, um die Läuse zu tödten,
um die Zittermaale zu vertreiben, um das Jücken, und andre Krankheiten der Haut zu stillen. Aber in Europa wußte man von ihrer Methode nichts. Und hätten auch Avicenna, oder Serapion davon geredet, so wars darum unsern Vorfahren um nichts leichter zu errathen, daß das, was gegen die Läuse gut war, es auch gegen die Kakomonade sey. Was man übrigens Gewisses weis, ist, daß die Entdeckung davon gemacht wurde, daß man sie annahm, und daß sie von glücklichem Erfolge war.
Der Ruf davon säumte nicht, sich zu verbreiten. Von allen Seiten nützte man es. Das Sonderbare dabei war, daß sich die Fakultät mit all ihrer Macht dagegen setzte. Es war nicht ihr Wille, daß man ein Hilfsmittel suchte. Sie schien nach ihrer Gewohnheit nur dazu mit Muthe gewaffnet, um das Gefundene zu bekämpfen. Ganz Europa erscholl von den Deklamazionen gegen
dieses nützliche Fluidum, das sie bloß in die Barometres verbannet wissen wollte. Es stand nicht bei ihr, daß sich nicht die Obrigkeit ins Mittel legte, um den Gebrauch davon zu verbieten.
So sah man die Brechmittel heftig von den Vorfahren derjenigen verschrien, die sie heut zu Tage verordnen. So donnerte man mit der größten Entrüstung wider die Chinarinde, wider die Ipekakuana &c. auf eben jenen Lehrstühlen, wo man itzt ihre Heilkräfte mit Enthusiasmus zergliedert. So fand in unsern Tagen unter Leuten, die für weise gelten, die Inokulazion unversöhnliche Feinde. Zu Doktoren angenommene Aerzte haben eine Schrift unterzeichnet, wo man sagt, man sollte die Fremden auf ihre eigene Gefahr die Probe damit machen lassen.
Schwerlich vielleicht würde man treffendere Beispiele von Inkonsequenzen anführen können, zu denen Leidenschaft und Stützköpfigkeit sogar unterrichtete Leute bringen können. Die Mode und Meinung sind in allen Dingen die Königinnen der Welt; aber das Quecksilber hatte durch seine Nützlichkeit gewiß nicht verdient, ihrer Kaprize unterworfen zu werden.