„Ja — Sie sollen später alles wissen — sagen Sie ihr nur, Ihr Freund aus München sei da und bäte um eine halbe Stunde Gastfreundschaft.“

Leonore fühlte eine seltsame Beklommenheit. Sie ging wie auf einen Befehl. Ging zu der Großmutter und sagte ihr Freyers Wunsch. Die Großmutter war verwundert, aber doch bereit, den Fremden zu empfangen.

„Großmutter erwartet Sie.“

Freyer küßte Leonores Hand und ging.

Sie blieb in dem grünen Saal zurück — einen Augenblick nur. Dann dachte sie: ich will doch nicht hören, was geredet wird. So ging sie in den Garten hinunter, zu dem Steinhäuslein hin, das immer noch von den Armen des wilden Weins über der Mauer gehalten wurde. Was war das schrecklich sonderbar? Was wollte Freyer von der Großmutter? Sie dachte Unsinniges, Ungereimtes — das Richtige fiel ihr nicht ein. Endlich, nach einer langen Weile meinte sie, länger dürfe sie die Großmutter mit einem Gast nicht allein lassen. Die Großmutter strengte doch das Sprechen mit Fremden an.

So ging sie wieder in den grünen Saal und klopfte an die Tür des Wohnzimmers. Da hörte sie drinnen noch ein leises Sprechen. Dann öffnete Freyer selbst.

„Leonore,“ sagte er, „die Großmutter möcht ein wenig Ruhe. Darf ich mit Ihnen in den Garten gehen?“

„Ja, gewiß, aber ich will doch erst nach der Großmutter sehen.“

„Tun Sie es jetzt nicht,“ sagte er sanft. „Sie wünscht, daß Sie mit mir gehen. Kommen Sie, ich habe Sie etwas zu fragen.“

Sie fühlte, wie ihre Hände kalt wurden. Ja, nun wußte sie ganz deutlich, was Richard sie fragen würde. Und ihre Seele irrte nach einer Antwort. Sie kamen in den Garten. Freyer ging auf das Steinhäuslein zu, bat Leonore einzutreten. Er schloß die Tür hinter ihnen beiden — und nun war es ganz dunkel da, denn durch die von Laub übersponnenen Fenster kam nur gedämpfteres Licht.