Sie setzte sich mechanisch. Und wartete. Wartete auf etwas, von dem sie nicht entrinnen zu können meinte.

„Leonore, es ist eine lange, alte Geschichte. Sie haben mir von Kaspar Mühlfund erzählt. Kaspar Mühlfund hat Ihre Tante geliebt, als er jung war, und sie hat ihn verraten. Dann ist Kaspar Mühlfund in die Welt gegangen — und hat kein schönes Leben geführt. Wer betrogen wurde, wo er heilige Versprechungen hatte, der führt kein schönes Leben, Kasper Mühlfund ist ehrgeizig geworden — ist Professor geworden, hat seinen Namen ausgelöscht, hat eine Frau — ja, eine reiche Frau geheiratet, die es gut bei ihm hatte und durch einen Sturz vom Pferde nach sechs Jahren starb. Kaspar Mühlfund, der Findling, hat sich einen Platz in der Gesellschaft erobert. Kaspar Mühlfund ist angesehen und bettelarm gewesen. Er konnte nie die alte Heimat und die Jugend vergessen. Und da kam zu ihm ein lebendig gewordenes Stück jener Jugend — da kamen Sie, Leonore, wie eine Gnade des Lebens, wie eine Offenbarung kamen Sie. Leonore, die Großmutter hat dem Kaspar Mühlfund verziehen, daß er fortlief und ein Undankbarer war. Leonore, wie die Gnade des Lebens sind Sie mir, Leonore — ich liebe Sie, Leonore, ich liebe Sie, und dort ist Kapellendorf. Ein Wort von dir, und es ist unser. Es ist unser Haus, unsere ewige Heimat. O, ich weiß, ich betöre dich mit dem Wort. Verlange von mir, was du willst, ich werde es tun — um deinen Besitz.“

Sie hörte nur das Wort Kapellendorf. Das alte lockende Wort. Sie sah den Mann vor sich, an den sie in ihrer Kindheit oft gedacht hatte, den man betrogen hatte, den, der ihr Kamerad war, und er redete von Kapellendorf als der wiedergeschenkten unverlierbaren Heimat.

„Leonore, bist du mir gut?“

„Ich bin dir gut,“ sagte sie, wie voll Angst. „O, ich weiß nichts. Kapellendorf? Du sagtst mir das Wort, das dereinst uns hat betört.“

Der Mann stand neben ihr. Er zitterte. „Leonore — du liebst keinen andern?“

„Nein,“ sagte sie frei.

„Leonore — ich weiß alles. Ich nehme dich gefangen mit Kapellendorf. Ich weiß es. Ich will dich. Ich verlange nichts von dir, als daß du mich zu Kapellendorf nimmst. Ich liebe dich — ich liebe dich! O, es ist etwas anderes, wenn ein Vierzigjähriger das sagt, als wenn ein Jüngling es stammelt. Ich liebe dich, ich will dich, auch wenn ich wüßte, daß du mir einst untreu wirst —“

Da lächelte sie plötzlich. „Kapellendorf untreu.“

Und sie sah den Mann vor sich, den sie Freund genannt hatte — sie sah ihn, der ihr die alte Heimat brachte. Was wußte sie denn? War es nicht der Wunsch so vieler Jahre, die Hoffnung so vieler Jahre?