„Identifiziere mich nur mit Kapellendorf, Liebe, Geliebteste. Ich will nichts anderes. Ich sage es dir ja so frei — ich weiß, ich verlocke dich damit. Aber wenn du mich nicht ein wenig lieb hast, dann — ich —“

Hülflos schwieg er. Hülflos und arm stand er vor ihr —

Und ihre Ritterlichkeit erwachte. O — sie wußte nicht, hätte sie entfliehen sollen, ehe er das Zauberwort sprach? Hätte sie es nie bis zu dieser Aussprache kommen lassen dürfen? Plötzlich errötete sie. Es ist anders, wenn ein vierzigjähriger Mann von Freundschaft redet, als wenn ein Jüngling es sagt. Hatte sie Richard Rechte gegeben? Hätte sie als Erwachsene nicht so mit ihm sein dürfen, wie als ein halbes Kind zu den andern Freunden? Wenn sie doch jemand fragen könnte — Kelt — der wußte alles — die Großmutter —. Und sie sagte: „Was hat denn Großmutter — haben Sie mit Großmutter —“

„Ich habe Großmutter alles erzählt. Mein ganzes Leben. Sie war sehr gut zu mir. Und sie sagte, wenn du ja sagst, ist es ihr lieb.“

Wieder schwieg Leonore.

Der Mann beugte sich zu ihr herunter. „Leonore, ist es, daß ich eine Frau gehabt habe?“

Wie, was ging das Leonore an? Was gingen sie seine Dinge an, die vor ihr lagen? Wie sie vielleicht kaum gelebt hatte.

Plötzlich sah sie, der Mann weinte. Ganz armselig stand der große, breite Mann da und weinte. „Warum weinst du denn, o Gott, du sollst doch nicht weinen?“

„Leonore, mit dir wollte ich wieder jung sein. Mit dir zurückgehen in die alte Heimat, in die Jugend. Soll ich wieder fortgehen, Leonore, willst du nicht mit mir nach Kapellendorf?“

Sie wußte nichts mehr. Sie hörte nur das alte geliebte Wort. „Du sollst nicht fortgehen, Lieber.“