Er umschlang sie. Noch küßte er sie nicht. „Leonore, Liebe, ist es denn wahr? Und du glaubst, daß du mit mir glücklich wirst?“
„Ja,“ sagte sie plötzlich frei. „O, wir wollen glücklich sein. Wir wollen Kapellendorf haben und das alte Land. Und das Schloß am Ettersberg wollen wir durch die Dämmerungen leuchten sehen — und alles soll glühen — wie ein Jahrtausend soll das Glück sein, glühend von großen Taten.“
So fabelte Leonore. Und sie berauschte sich selbst an den Gedanken. War er nicht ein Kind, der Mann neben ihr — o, sie wollte mit ihm spielen, mit ihm warten, ja, und dann sollte das Glück kommen — leuchtend durch Dämmerungen, wie das weiße Schloß am Ettersberg.
„Du,“ sagte sie, „wir müssen hinein — so lange wartet Großmutter schon.“
„Hast du mich lieb, Leonore?“
„Ja ich habe dich lieb, komm!“
Die Großmutter saß ganz still. Ganz leise redete sie mit dem einstigen Pflegesohn. Ihren Jungen nannte sie ihn. Und sie hielt Leonores Hände.
Es war Leonore plötzlich, als begriffe die alte Frau alles gar nicht mehr. Sie verwechselte Namen, fragte, ob der Vater denn nicht käme — aber dabei sah sie so strahlend und froh aus. Und nach einer Weile wollte sie schlafen gehen. Freyer verabschiedete sich. Er küßte beiden die Hände, nannte die Großmutter Mama.
Wie in einem wunderlichen Traum war Leonore um die Großmutter. Sie bat sie, noch ein wenig an ihrem Bett zu sitzen — lächelte — lächelte — Und Leonore sprach von Kapellendorf. Aber mitten in einem Satz hörte sie erschrocken auf. Die Großmutter hatte einen sonderbaren kleinen Laut ausgestoßen. Leonore beugte sich über sie. Ja — die alte Frau war tot. Mit einem Lächeln der Freude war sie sanft hinübergeglitten. Sie hatte ja nun nichts mehr zu tun.
Leonore war ohne Fassung. Sie wußte nicht, was sie tat. Sie stand plötzlich — oder war es lange später — am Fenster — sah hinunter.