Da ging Richard den einsamen Weg vor dem Hause auf und ab. Sie rief ihm. Er kam. Die lange, bange Nacht blieb er mit ihr neben der Toten in dem einsamen Hause. Die lange, bange Nacht trug er mit ihr den Schmerz.
Und als der Morgen dämmerte nach der langen, bangen Nacht und das Frühlicht ihnen in die Augen sah, da wußte Leonore, er, der ihr Freund und Hüter gewesen war in der Nacht des Todes — der hatte nun ein Anrecht auf sie — ihm würde sie sich geben müssen. Ja, ihm würde sie alles geben.
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Vielleicht hätte unter andern Verhältnissen Leonore dem Richard Freyer am andern Tage gesagt, es wäre doch alles ein Traum gewesen und sie wollte immer sein guter Kamerad bleiben — aber er möge sie doch nicht heiraten wollen. Vielleicht hätte Leonore unter andern Verhältnissen das gesagt. Aber er war ihr in der langen, bangen Nacht in dem vereinsamten Hause Freund und Hüter gewesen. Den großen Schmerz hatte er mit ihr getragen.
Während der Zeit der Einsamkeit und der Trauer verließ er sie nicht.
Wen hatte sie denn noch, seit die Großmutter tot war? Alle andern lebten ihr eigenes Leben, sie fühlte das plötzlich stark. Und so sagte sie nur ein stilles Ja, als nicht viele Wochen, nachdem die Großmutter begraben war, an einem Nachmittag Richard Freyer sie fragte, ob sie mit ihm auf das Standesamt gehen wollte. Es sei der Menschen wegen besser, nicht länger damit zu warten.
Der Oberförster und sein Sohn Paul, der noch vom Begräbnis her da war, gingen mit ihnen. Der Handlung war alles Feierliche, alles Ungewöhnliche genommen. Die Einsetzung eines Vormundes fiel dadurch fort. Der Bürgermeister sagte ein paar gutgemeinte Worte, daß die Großmutter noch die Freude erlebt habe, und wie es begreiflich sei, daß man kein Fest feiere, sondern nur in aller Stille den einander vor der nun Toten gegebenen Verspruch vollziehe.
Leonore kamen die Tränen, wie immer, wenn man von der Großmutter sprach — sie sah den kahlen Amtsraum — die vier Männer — sie schrieb ganz mechanisch Leonore Freyer, geborene Wolfferstorff, unter die Urkunde und ging an Richards Arm nach Hause.
Dort war die Cousine Klothilde und weinte, und die Tante Charlottchen weinte, und alles kam Leonore so unwirklich vor wie der Tod. Richard wollte nun bald abreisen — um in Kapellendorf alles Nötige zu besorgen.
Es war nicht ihre Tischstunde, als man vom Standesamt nach Hause kam — so zwischen fünf und sechs Uhr am Nachmittag. Freyer bat Leonore, mit ihm spazieren zu gehen. Das schien allen eine Erleichterung.