Sie ging mit ihm — sehr still gingen sie dem kommenden Abend entgegen, über die Höhe dem Walde zu. Ihr war es beklommen, sonderbar zumute. Vor der Trauung waren sie alle auf dem Kirchhof gewesen. Freyer hatte geweint. War er denn so arg unglücklich? Sie wußte nicht, daß er sich seiner Eile fast schämte. Daß er das Gefühl nicht los bekam, Leonores Stimmung mißbraucht zu haben.

Sie kamen in den Wald. Da war es schon ein wenig dämmerig, und rasch stieg Leonore hügelan, um auf die freie Höhe zu kommen. Da oben stand noch rostrotes Gras vom gewesenen Jahr, rostrotes Laub hing noch im Eichenknick. Und zwischen dem Gras waren grüne Flecken — da blühten die ersten Maiblumen.

Sie lief darauf zu; sie bog die grünen Blätter auseinander und suchte nach Blütenstengeln. „Richard, sieh doch auch — wer am meisten findet!“

Und sie wurde sehr eifrig und lief beim sinkenden Licht des Tages durch das rostrote Gras und an den versunkenen Mauerwällen einer alten Burg hin über Steine und durch Dornen nach den grünen Flecken, wo Maiblumen standen. Und das alte Pangefühl des Kindes, die Freude an wilden Blumen, die man gleich Schätzen aus verschwiegenen Wäldern holt, kam über sie. Aus dem kleinen Erinnerungswollen kam eine neue, starke Freude.

O, was hatte sie soviel geweint all die Zeit? Warum sollte sie nicht denken, die Großmutter war in einem Land, dem jeder Tag des Frühlings Süße brachte. So fest hatte doch die Großmutter daran geglaubt. Was wir glauben, ist unser. Warum wollte denn sie, Leonore, nicht glauben, dieser Frühling war ein Erstling und brachte ihr die Verheißungen des Lebens?

Es wurde dunkler. Richard mühte sich fern von ihr noch um Blumen. Sie aber stand — stand auf dem alten Berg und hob die Arme in die Frühlingsabenddämmerung. — O, warum hatte sie soviel geweint?

Sie rief ihn. „Lieber!“ rief sie ihn. Und er kam — scheu, wie er jetzt immer war, kam er — da lächelte sie — lächelte sie — und sie steckte ihm ihre Blumen in seine Brusttasche und sagte: „Lieber — es ist ja Frühling — es ist Frühling. Komm, wir wollen den Frühling umarmen!“

Sie stand da, und ihr ausdrucksvoller großer, geschweifter Mund drückte die Sehnsucht aus. Und ihre dichten goldbraunen Knabenlocken schienen sich stolz zu heben wie sich kräuselnde Lippen und in den Linien ihres jungen Leibes lag Gesundheit, frohes Wollen, stürmisches Vorwärtsschreiten.

Der Mann war betört. Er nahm sie fest in den Arm und ging mit ihr weiter durch den schweigenden Wald, durch die sinkende Nacht.

Sie kamen heim über den Ruinenberg, auf dem an allen Hecken der Flieder blühte, sie gingen unter dem Frühlingshimmel, an dem schon die Gestirne standen, die wohlvertrauten, und sie sprachen miteinander vom Frühling — vom Frühling.