In dem grünen Saal war festlich gedeckt, mit trüben Gesichtern warteten die Verwandten.

Da kam Leonore — kam Leonore mit einem sanften, ansteckenden Lächeln — und sie legte ihre, Richards Blumen auf den Stuhl der Großmutter in der Ecke unter den Blattpflanzen, und dann sagte sie, wie jemand, der sich seiner Wichtigkeit bewußt ist, der sich ihrethalben verpflichtet fühlt, frei, ohne Zwang: „Es ist doch Frühling — und es ist unser Hochzeitstag. Wir wollen heute froh sein, alle wollen wir froh sein.“

V.
Sommerstunden.

„An einem Sommermorgen ward ich jung.“

Novalis.

Sie wußte nicht, ob sie über ihn lachen oder weinen sollte. Denn er war gänzlich hülflos. Wohl — er hatte ihr oft gesagt, daß er sie liebe. Er hatte ihr Kapellendorf geschenkt. Und nun stand er da und wußte sich nicht zu helfen. Wie ein Kind stand er da; man hat ihm alles gebracht, das Haus zu erbauen: behauene Steine, Balken, Türen, Fenster, Sand, Kalk und alles Geräte. Aber das Kind kann das Haus nicht aufrichten. Wie ein Kind, das spielen will und es doch nur mit einem leitenden Gefährten vermag, kam er ihr vor.

Sie dachte: der Kaspar Mühlfund hat keine Jugend gehabt. Unter den Bauern wurde er herumgestoßen, bis ihn die Großeltern aufnahmen. Und dann war er ehrgeizig und lernte in Eile die Schule durch. Dann betrog man ihn, stieß ihn wieder in den Kampf. Später ist er ein angesehener Mann geworden — und jetzt möchte er gut zu mir sein, möchte jung sein, und er weiß doch nicht, wie er es anfangen soll.

Ein mütterliches Gefühl kam über Leonore. Sie wollte ihm die Jugend, die er nie gehabt hatte, neu schenken. Man mußte nicht an das Glück denken, das stolz und glühend war, wie ein Jahrtausend voll großer Taten. Nicht jetzt.

Das Leben — Kapellendorf — Leonore hatten dem Kaspar Mühlfund eine alte Schuld zurückzugeben: die leichte, frohe, spielende Jugend.

O, nun wußte sie es. Nun brauchte sie nicht mehr zu bangen, nicht mehr zu denken, ob denn das auch eine richtige Ehe war, wie sie ehrliche Menschen hatten. Nun wußte sie es: darum hatte sie nicht nein sagen können in dem alten Gartenhaus, als ihr Herz nach einer Antwort irrte. Und darum hatte sie seinen Trost genommen in der bangen Nacht des einsamen Hauses, in dem ein Toter lag. Darum war sie mit ihm gegangen und nannte sich Leonore Freyer; sie wollte ihm, der ihr ein lieber Kamerad war, der so hülflos vor ihr stand, die nie gelebte frohe, erste Jugend schaffen. Wie konnte er etwas vom Glück wissen, das wir leuchten sehen durch die ferne Dämmerung verheißungsvoller Frühlingsnächte — wie konnte er es wissen, er, dem man seine Jugend gemordet hatte? O, nun war alles gut. Nun wußte sie alles. Nun lag kein Kummer und kein Bangen mehr in ihrem Herzen.