„d’Annunzio beendet den ersten Akt seines Dramas ‚Die tote Stadt‘ mit den Worten einer Blinden: Irgendwo muß eine tote Lerche sein. Der, den sie liebte, hatte sie ihr heimgebracht — die kleine, tote Lerche, die sich die Brust zersprengt hatte vor Jubel.“

Leonore antwortete ernsthaft: „Professor Freyer, ein Herr von großer Rednergabe, wenn Sie ihn vielleicht kennen, pflegt seine junge Frau auf Spaziergängen durch den Morgen von italienischen Dramen zu unterhalten. Es ist dies ebenso lehrreich als bildend, denn es ist ganz rückständig, in einer Lerche eine Lerche zu sehen, nachdem doch Gabriele d’Annunzio die Lerche zum Symbol einer toten Stadt gemacht hat.“

Der Mann wurde ganz verlegen über diese Standrede. „Magst du es nicht hören, wenn man von Büchern spricht?“

„Sehr gern mag ich das. Aber die Lerche des Gabriele ist ja schon lange tot. Und hier um uns fliegen ganz neue. Die ersten Lerchen der Welt.“

Sie kamen zum Waldrand — und Leonore setzte sich an der sonnigen Halde nieder. Der Mann kam zu ihr und war zärtlich. Er küßte ihre jungen Haare und küßte ihren freien Hals und die Hände, die braun und stark und weich waren.

Sie konnte sich aber darein immer nicht recht finden. Ihr fielen Worte leichter als Geberden. Und so kam sie zu ihm mit Worten einer ritterlichen Zärtlichkeit — mit Worten, die alles auslöschen sollten, was seine Jugend trübe gemacht hatte — mit Worten, die vielleicht nach Liebe klangen und die ihr doch nur die Gerechtigkeit des Lebens schienen.

„Du bist so gesund, du,“ sagte sie, „ich freue mich immer daran, wenn ich dich ansehe. So einen festen, schwarzen Pelz hast du auf deinem Kopf, und dein Bart könnte gewiß so lang wachsen, daß du mich an ihm aus einem tiefen Brunnen ziehen könntest, wenn ich hineinfiele.“

„Möchtest du mich denn noch, wenn ich einen so grauslichen Bart hätte?“

„Probier’s doch!“

Plötzlich war sie fort von ihm. Sie lief einer Eidechse nach, die durch das storre Gras geraschelt war. Und dann kam sie wieder und hatte das Tierlein auf ihrer braunen Hand.