„Ist das nicht genug, Leonore?“

„Ich möchte alles von dir wissen — verstehst du, um es lieb zu haben. Es ist doch nicht, daß man Worte redet und alles, was vergangen ist, damit umbildet. Du sollst mir doch nicht eine Phantasiegestalt bleiben. Ich glaube, die Wirklichkeit kann schöner sein als alle Gedanken und Vorstellungen. Lieber, man sieht es dir doch an, daß du viel erlebt hast.“

Er fuhr unwillkürlich mit der Hand über das Gesicht, als wolle er die Spuren von Leben, Sorgen, Kämpfen und Genießen verwischen.

Sie lächelte: „Du willst mir etwas forttun? Aber wir sind doch zusammengekommen, um immer beieinander zu bleiben, Richard. Willst du denn, daß da fremde Dinge sind, die ich nicht weiß? Ich will doch alles zu verstehen suchen — ach nein, verstehen ist nicht das richtige Wort — deine frühere Zeit soll bei mir zu Hause sein, ich will deine Erinnerungen hüten und bei mir lebendig sein lassen.“

Der Mann antwortete: „Wie sehr liebst du mich.“

Ihre Seele starrte das Wort an. Was sollte sie damit machen? Nie hätte sie es sprechen mögen. Ich liebe dich — ja, tausendmal. Aber du liebst mich so sehr — als positive Aussprache, als Ausdruck von Zufriedenheit — oder war es Anerkennung einer Kraft, die man selbst nicht mehr stark besaß? Sie dachte, das ist wohl Mannesart — vielleicht soll es gar etwas wie ein Lob sein.

„Sprich nur von dir,“ wiederholte sie.

Doch er antwortete: „Nicht heute — nicht jetzt. Ich will meine trüben Vergangenheiten ein wenig vergessen. Ich will nicht das alte Kapellendorf des Kaspar Mühlfund, sondern das neue von dir, das neue von uns.“

„Ich weiß nicht, wie du es wollen wirst,“ sagte sie ein wenig unsicher. „Ich habe heute den Lehrer eingeladen, dann fiel mir ein, vielleicht möchtest du es nicht, obwohl du nichts dawider sagtest. Siehst du, bei den Großeltern war es so: sie hatten immer viele Menschen um sich. Wer im Lande wohnte, konnte zu ihnen kommen. Ich meine, sie fragten nicht zuerst nach der Bildung der Menschen, noch viel weniger nach ihrem Stand. Aber wenn die Menschen in Großmutters Stube kamen, waren sie anders als draußen. Die Großmutter sprach gar nicht viel und gab doch immer den Ton. Niemand nannte sie hochmütig, und sie war doch eine stolze Frau, und nie ist ihr eine unziemliche Vertraulichkeit begegnet. Ich bin ja nun nicht wie die Großmutter. Aber ich bin so unter den Leuten aufgewachsen, ich könnte nie eine Dame werden, wie viele in den Städten sind, und von denen man das Gefühl hat, sie müßten sich fortwährend verschanzen und nur mit genau denselben Ständen verkehren, damit niemand denkt, sie seien weniger als sie sind. Du bist doch nicht böse, daß ich Lehrers eingeladen habe. Weißt du, alle Leute, die sich unfrei, subaltern fühlen, sind so leicht verletzt, und nur gegen Gleichstehende darf man rücksichtslos sein.“

„Du hast recht. Meinst du aber, es wäre gerade rücksichtslos gewesen, den Lehrer nicht einzuladen?“