„Er hat uns doch aus Freundlichkeit aus dem Buch vorgelesen. Und wenn er zu uns kommt, kann er die vielen schönen Sachen aus deinen Kunstsammlungen sehen, das kennt er gewiß noch gar nicht, und uns schadet es nichts.“
„Nein, kleines Liebchen, uns schadet es nichts. Ich freue mich, dich zu sehen, wie du mit den Leuten bist. Aber erzähle mir doch noch von dir — vom alten Kapellendorf.“
„Ja, weißt du, viele, viele Sommerabende bin ich hier gewesen — und sah, wie das Land dunkel wurde, wie die Farben sich vertieften, so wie man es gar nie würde malen können, weil es nur ein Übergang ist und darum zwischen den Wirklichkeiten. All diese Übergänge kennen die Menschen meist nicht, sie wollen nicht das Tastende, Suchende, sie wollen und glauben immer nur das, was auf festen Füßen steht ... Aber mit dem Tastenden, Übergehenden in solchen Sommerabenden, wo alle Farben im Ersterben so unwirklich wunderschön werden, gehen unsere Wünsche. Aus dem Augenblick die Dauer schaffen zu können, sehnen wir uns. Weißt du — siehst du es jetzt —, der Ettersberg ist indigoblau, man erkennt keinen Baum mehr, keine Unebenheit. Alles ist so vereinfacht. Das Land hinten wird grün wie ein edler Stein, am Himmel kommen die Gestirne. Und durch die Dämmerung glänzt das weiße Schloß. Alles ist stark und erwartungsvoll. Da dachte ich mir oft, durch dieses Land der Dunkelheiten weithin, fernhin möchte ich ziehen — Und man müßte dabei so viel erfahren, was man noch nicht weiß. Die Erde müßte sprechen können — und man müßte alles vergessen, was klein und müde war, und alles Traurige müßte Stärke werden. Und dann, ja dann kam das weiße Schloß. Weißt du — das lange geliebte. Weißt du, jemand, der uns ganz kennt. Der uns erlöst ... Ich habe dich — du warst mir immer der, von Anfang an, der von mir weiß. Und nun bin ich bei dir. Aber ich weiß so wenig von deinem Letzten. Ich quäle dich nicht — es wird schon kommen, du brauchst Zeit, Lieber. Und das muß wohl sein, denn wir wollen ja die Ewigkeit haben.“
„Du bist schön,“ antwortete der Mann — „ja, die Ewigkeit der Treue werden wir haben. Eine Burg —“
„Du bist wie ein Heidenaltar, der aus der Erde ragt, und den Menschenhände nicht stürzen können. Unser Kapellendorf — unsere alte Heimat, die du uns neu geschenkt hast.“
Sie lächelte ihn mit ihren guten Augen an und nahm seine Hand und küßte sie ganz leise. In ihr war es ruhig. Fern, hinter den Dämmerungen glänzte das weiße Schloß am Ettersberg.
Einst, ja einst, war alle Sehnsucht Erfüllung. Einst blieb kein Rest mehr zu wünschen ...
Das war ein Tag von einem ganzen Sommer. Das war ein Korn aus der vollen Ähre, die sie ihm reichte. Das war ein grünes Blatt von dem Maibaum, den sie ihm pflanzte.
VI.
Dämmerungen.
Sie gingen heim durch die Felder. Reif und schwer, leuchtend weiß standen sie. Darüber war der Himmel wie blauer Stahl, und nur zuweilen riß ein Sonnenglanz das Gewölk auseinander und warf ein grelles, erschreckendes Licht über ein Stück Feld.