Sobald der Regen aufhörte, waren sie noch in dem alten Mauergärtlein. Ja, und da leuchtete durch die stillgewordene Luft des Sommerabends das weiße Schloß am Ettersberg. Man sah es noch von den Fenstern des Zimmers aus, als sie hinein gegangen waren.
Plötzlich sprach Leonore: „Siehst du das Schloß durch die Dämmerung leuchten? O, ich liebe es lange, lange. Über meiner ganzen Jugend hat es gestanden wie ein Gruß von den Toren der ewigen Stadt. Warum führst du mich nicht? Was weiß ich denn von deiner Seele? Sie wohnt in einem tiefen Bronnen, in den ich nicht hinabsehen kann. Du — ich sehne mich so sehr — ich sehne mich so sehr. Du müßtest kommen und mir deine Seele schenken — dann erst kann es gut sein —“
Der Mann sagte mit verhaltener Stimme: „Ich wußte ja nicht, ob ich durfte.“
„Ob du dürftest, du? O, ich wollte alles mit dir. Siehst du, wir haben gescherzt und gelacht wie Kinder. Ich kann nicht immer nur lachen, du — ich muß den Freund haben, von dem ich alles weiß — sonst war alles — eine Lüge.“
Sie stand vor ihm, und auf ihrem jungen Mund lag der Ausdruck einer stürmischen, einer todesernsten Sehnsucht. Sie hob den Arm — bog sich damit die Stirn zurück. „Bin ich denn ganz allein? Können wir nie Freunde werden? Kannst du nicht sein, daß ich dich liebe wie Gott?“
Der Mann taumelte. Er küßte sie ...
Und Richard Freyer gab Leonore, was seit den Tagen des Paradieses der Mann als Heilmittel für alle Frauennot hält. In dem Augenblick, da eine Jugendinbrunst nach einer andern Seele rief, hatte er nur das eine zu geben, was von ihm schon oft verschenkt war. Es war in dieser Stunde ein Bettelpfennig — ein unbegehrter Bettelpfennig.
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Draußen ging der Winter. Ein langer, stiller Winter. Müde, sonderbar müde war Leonore in all der Zeit. Und Richard saß über Büchern, über unendlichen Notizen, Manuskripten und Abbildungen. Er wollte das wissenschaftliche Werk schreiben, zu dem er lange Jahre schon Vorarbeiten gemacht hatte.
Sie war dessen fast froh. Seit jener Nacht nach dem Gewittertag hatte sich etwas zwischen ihnen geändert. Der Mann sprach zu ihr — ja wirklich, sie könnten nicht immer nur lachen und durch das Land gehen, sie hätten nun lange genug gespielt, nun müsse der Ernst des Lebens, die schwere Verantwortlichkeit des Lebens über sie kommen. War es „über sie kommen?“ Er konnte sich auch anders ausgedrückt haben, der Sinn blieb es jedenfalls.