Der Abend umschattet den Raum,

Still ist alles. Du bist ja da. Und nur durch eine lange Nacht

Ging einst ein ferner Traum,

Geliebteste, der Umkreis ist vollbracht:

Zu ihrem Ursprung kommt die Liebe heim.

Sie las das, und es war ihr, als seien diese fremden Worte vielleicht ein Schlüssel zu Richards Wesen. Nie hatte er von seinem Leben mehr gesprochen. War da wohl vor langer, ferner Zeit eine Liebe gewesen, die er doch nicht hatte vergessen können? Die verleugnet zu haben er sich jetzt schämte?

Sie dachte nicht an sich; sie hätte darum wissen können, daß seine Verändertheit ihr nicht das Herz verwundete. Sie dachte nicht an Recht und Stolz; sie hätte darum wissen können, daß es ihr nicht die Norm aller Dinge war, nicht der geliebte Mensch, von dessen Wertung unser Sein abhängt. Das alles wußte sie nicht. Sie meinte nur: warum soll er neben mir gehen, wenn er sich vielleicht nach einer noch erreichbaren Vergangenheit sehnt? O, das sollte doch nicht sein. —

Sie fragte ihn. Als sie einen Vorfrühlingsabend um den Kamin saßen — draußen stand die Sonne brandgelb erlöschend über dem farblosen Land —, fragte sie ihn: „Richard, du hast mir nie von deinem Leben sprechen wollen. Ich weiß ja das von Kaspar Mühlfund. Auch, daß du eine kurze Zeit verheiratet warst. Wenn ich dein Gesicht sehe, so kann ich mir nicht denken, dies sei alles gewesen, was dich einst bewegt hat. Über dein Gesicht ist einst der Sturm gegangen. Als wir uns kennen lernten, warst du ein ruhiger Mann. Ich glaube, als du mir von Liebe sprachst, war es aus einer Erinnerung an die heraus, die auch aus Kapellendorf kam. Richard, ich glaube, wenn über einen Menschen der Sturm gegangen ist, wird es nie ganz ruhig mehr. Er kann es nie vergessen. Du mußt mir nicht böse sein und denken, ich quäle dich. Ich glaube nur, vielleicht sprächst du gern, und dann sollst du nicht denken, hier bei dir ist jemand mit Ansprüchen, mit Neugier. Ich möchte dich nur verstehen lernen, und wenn du sprechen magst, kannst du es sagen, als sprächest du zu jemand, der ohne Furcht, ohne Hoffnung, ohne Widerstreit, sondern nur mit verstehendem Wollen dich hört.“

Richard Freyer saß am Kamin. Er rauchte. Zuweilen warf er einen Bündel Tannenreiser-Wellchen, die arme Frauen aus dem Wald brachten, in die Glut, so daß es aufprasselte. Jetzt legte er seine Zigarre weg — sie sah, er warf sie nicht einmal ins Feuer, er wollte nachher gleich weiter rauchen — und trat zu Leonore.

„Nun fühle ich es, daß du Freundschaft für mich hast. Einmal war es, an einem gewitterschwülen Tag, da sprachst du davon, aber du wußtest nicht, was du wolltest. Und nun sprichst du so, wie ich es von meinem Lebenskameraden wünsche. Ja, nun sprichst du so. Nun will ich dir auch gern von meinem Leben erzählen. Du weißt, daß ich dich sehr lieb habe — und da ist doch eine Erinnerung in meinem Leben, die mir oft noch weh tut.“