„Sprich nur,“ antwortete sie.
Er ging an seinen Platz zurück und holte die Zigarre. Sie glühte noch. Dann suchte er sich eine dunkle Ecke des Saales. Leonore nahm den verlassenen Platz am Kamin ein. Sie setzte sich auf die niedrige, hölzerne Stufe und lehnte sich halb liegend gegen die Mauer zurück.
Richard kam noch einmal zu ihr. „Wie schön du bist,“ sagte er, „wie eine Prinzessin siehst du aus.“
Ihr klangen diese Worte wie eine zufriedene Kritik. Sie antwortete still: „Sprich nur, Richard.“
Er ging wieder an den dunkeln Platz, und sie sah in das Feuer, in das stillglühende Feuer von Buchscheiten, das sein Licht an die Kaminwände warf. Und sie wartete, von etwas Großem, Starkem zu hören.
„Weißt du, Leonore, mit 21 Jahren kam ich nach Berlin. Ich war fast mittellos — ich wohnte in einem Hinterhause, weit draußen im Osten, über vier Treppen, bei einer alten Frau. Die hatte noch eine Pensionärin — eine echte Berlinerin; o, du meinst vielleicht, die Berlinerinnen sind so, wie man sie aus den Witzblättern kennt — nein, so war das kleine Mädchen von Berlin nicht. Sie war nicht sehr hübsch — so schlecht genährt und blaß und klein. Sie nähte Mäntel in einem Geschäft und kam immer abends todmüde heim. Und weil wir uns beide kein Feuer bezahlen konnten, saßen wir zusammen in der Küche der Frau. Die ging oft abends fort, und wir hatten dann die Küche allein. Ich achtete lange gar nicht auf das Mädchen; viele Tage saß ich da und las in meinen Büchern und achtete nicht auf sie. Bis sie mich einmal fragte: Sie haben auch einen Kummer, Herr Mühlfund? Damals war ich ja noch Mühlfund. Auch? fragte ich. Und da erzählte sie mir eine traurige Geschichte. Ihr Bräutigam war gestorben — auf eine grauenvolle Weise bei einer Kesselexplosion in seiner Fabrik umgekommen. Ja, weißt du, so verlassen wie ich damals war, erzählte ich dem kleinen Mädchen mein Herzeleid. Und sie war sanft und teilnehmend zu mir, wie ein Kamerad, wie ein alter Weggenoß ... Lange, lange sahen wir uns nur des Abends in der häßlichen Küche. Und dann, als der Frühling kam, und es mir ein wenig besser ging, führte ich sie manchmal hinaus in den Grunewald, nach Halensee, oder zu den Zelten im Tiergarten. Das war eine Freude, das Entzücken dieses kleinen Mädchens zu sehen — sie war ja kaum noch aus der Stadt gekommen. Wie sie den kahlen Kiefernwald schön fand, und wie sie die kleinen Seen anstaunte. Ja, einmal sagte sie in ihrem stark ausgeprägten Berlinisch: Det is ja richtijes Wassa — da meinte sie, das ist Wasser, wie es aus der Erde kommt, wie es die Natur hingesetzt hat.“
„Der arme, kleine Mensch,“ sagte Leonore, „und du hast ihr das alles geben können! Das muß gut gewesen sein. Ja — und dann?“
„Ach das war lange. Ich glaube, fast zwei Jahre lebten wir so. Und ich las ihr auch etwas vor — du weißt, ich habe doch damals Gedichte gemacht — und das waren die ersten, die sie hörte, und sie gefielen ihr sehr.“
Jetzt rauchte Freyer nicht mehr — er war ganz eingenommen von dem Gedanken an sein kleines Mädchen. Dann begann er wieder: „Ich kam ja durch Unterrichtgeben so leidlich durch. Oft halfen wir einander mit Pfennigen aus. Ich machte auch das Philologen-Examen — in einem geborgten Rock, mit von ihr geplätteter Wäsche. Und sie wurde so reizend, sie blühte ordentlich auf; sie war siebzehn, als ich sie kennen lernte, und alt — mit neunzehn war sie jung und hübsch.“
„Ihr liebtet einander?“ fragte Leonore.