„Ja, das kam. Es mußte ja kommen. Hunger und Liebe, Hunger nach Liebe ketteten uns zusammen.“
„Und dann?“
Freyer schwieg.
„Und dann?“ fragte Leonore.
„Ich bekam durch einen jungen Mann, den ich, nachdem die Familie schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, durch die Reifeprüfung brachte, eine Hauslehrerstelle bei reichen Leuten. Mein kleines Mädchen gab mir noch von seinen Ersparnissen, damit ich mich einigermaßen anständig equipieren konnte. Es war ein großes Glück für mich — wenn auch ein harter Abschied. Doch ich konnte ihr ja schicken, ich ließ sie beruhigt bei der Frau zurück, die es gut mit ihr meinte, und auch das Kind versorgen wollte und pflegen, wenn sie nachher wieder auf Arbeit mußte.“
„Das Kind?“
„Das Kind, das wir erwarteten. Ich reiste also. Nach Italien kam ich mit der fremden Familie. Ein schönheitshungernder Mensch nach Italien. Wir reisten von Ort zu Ort — ihre Briefe fanden mich seltener — und wie das bei dem Reiseleben so geht — ich schrieb seltener — ich verschob alles auf die Heimkehr. Und als ich nach Jahren wieder zurückkehrte — da fand ich bei der Frau nur einen Brief von ihr. Ein paar Worte voll Sehnsucht, unterzeichnet: Dein kleines Mädchen. Aus Rom war er unbestellbar zurückgekommen.“
„Und wo war sie?“
„Das wußte niemand. Sie war fortgegangen, fort mit dem Kinde. Die Frau hatte ihr auch zugeredet, denn da sie so lange nichts hörten, hatten sie einen früheren Bekannten von mir nach mir gefragt, und der sagte ihnen wohl in gutem Glauben, ich sei jetzt ein vornehmer Herr geworden, sie solle sich doch lieber nicht an mich gebunden betrachten.“
„Du hattest ihr so lange nicht mehr geschrieben?“