Ja er, Richard, hatte das Leben ausgelebt. Er war noch in den Jahren der Kraft — aber manche Menschen verbrauchen ihre Erhebungsfähigkeit, ihren Tatendrang in ein paar Jahren stürmischer Jugend. Kalt dachte sie: es ist ein Atavismus, es ist das Erbe jener, die schon mit sechzehn Jahren Männer sind, die mit vierzig ins Greisenalter eingehen — das Erbe des vierten Standes ist es, dessen Arbeitsverpflichtung schon in der Kindheit beginnt, dessen Selbständigkeit im Jünglingsalter anfängt. Ihre Jugend ist fast früher beendet als das Wachsen ihres Körpers. Ja, seine Jugend war vorbei. Und nun blieb nichts mehr.

Nein, nein, sie durfte nicht ungerecht werden. Er war es, der ihrem Verstand einen neuen Inhalt gegeben hatte. Vielleicht wäre sie ewig im Unbewußten gegangen, wenn er ihr nicht die freie Herrlichkeit des Wissens gezeigt hätte. Gezeigt — wie ein Vater seine Tochter lehrt. Wie ein Lehrer den Schüler. Wie ein Vollendeter den Ringenden. In ihr brannte alles, was in ihm überwunden war. In ihr lebte, was in ihm Vergangenheit war. Er hatte alle Dinge schon an dem ewigen Bestand der Kulturen gemessen — er hatte alles schon bewertet und verworfen, was ihr noch hohen Wollens wert schien. Er lächelte weise, wenn sie glühte. — — Helden gingen durch die Welt, die formten die Geschichte der Menschheit, das Ethos ganzer Völker nach ihren Taten. Es war, sie glaubten noch an die Kraft eines leidenschaftlichen Willens, sie glaubten mit der einseitigen Zähigkeit des Eroberers an die Stärke in ihrem Tun. Sie vermochten für eine Idee zu sterben, sie setzten ihr Ich zum Trotz gegen die ganze Welt.

Und sie — und sie? Lag denn das wagemutige Leben schon hinter ihr, der Neunzehnjährigen? Die Ewigkeit war nun sie. Undurchbrechlich, unveränderlich — die Ewigkeit eines Zusammenlebens. Still kommt der Tag, still geht der Tag. O, so tausendmal ruhig. Wir reden leise von leisen Dingen. Wir reden still von großen Taten. Wir lesen gelassen von den stolzen Geschehnissen des Lebens. Sie klingen uns wie Erinnerungen von fernen Festen her. Eine Mauer ist um unsere Burg. Und um die Mauer lastet steinern das Schweigen. Eine gläserne, kühle, ruhige Ewigkeit steht um die Mauern unserer Burg. Fern klingt der Wind. Fern, hinter der Mauer und der gläsernen Ewigkeit klingt lockend der Wind. Er weiß es nicht, von wannen er kommt und wohin er fährt. Ich aber weiß — um mich stehen undurchbrechlich, unverrückbar die Mauern der Ewigkeit.

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Leonore fühlte es, trotzdem sie im Zimmer war und schon tagelang liegen mußte, weil der Hals sie schmerzte, sie wußte es, draußen ging tauender Frühlingswind. Denn die Vögel, die Amseln schrien so heftig, schrien so heftig, daß es verwirrte — o, sie riefen, weil der Frühling kam. Ja, auch aus ihrer einsamen Seele heraus klang ein Ruf:

O, du kommst wieder, Frühling,

Füllst das Land mit Jauchzen und Singen,

Und alle Brunnen springen,

Und meine Sehnsucht ist so wild

Und ungestillt.