Sie hörte die Worte des Plebejers und antwortete: „Das sagst du und glaubst es nicht.“

Er aber widersprach eifrig und belehrte sie, alle Begeisterung sei nur ein Jugendausbruch, der überwunden werden müsse. „Du schwärmst,“ sagte er. „Zu viel, viel zu viel Temperament hast du. Du siehst alles so heftig und ungebärdig. Na — ich will dich nicht ärgern — ich bin in die Stille und Gelassenheit eingegangen, und du hast noch manchmal das Fernweh. Nun, das gewöhnt man sich ab. Mit der Zeit geben sich schon die Extravaganzen. Weißt du noch, zuerst warst du hier wie ein spielendes Kind — es ist sehr hübsch gewesen, gewiß, aber nun habe ich dich lieber, nun bin ich sicherer —“

Sie sah ins Leere. Was fesselte sie wohl an ihn, wenn nicht die Erinnerung an jene Sommertage, da sie ihn lieb hatte, als sie den Ewigkeitswillen zum Glück hatte. „Du bist so voll Resignation, Richard —“

Er antwortete bedächtig: „Mit zwanzig Jahren ist uns das Wort Resignation fast so zuwider wie eine körperliche Mißgestalt. Aber einmal sehen wir: alle Reife ist nichts anderes als Resignation. Und wenn wir mit unsern still gewordenen Jahren nicht mehr die Lieblingsgedanken der Jugend — Tod und Unsterblichkeit — denken, so ist es nur, wir sehen ein, daß wir das Bild von Saïs nicht entschleiern müssen — daß wir mißtrauisch werden unserm Intellekt gegenüber, der sich an Hypothesen und Phantastereien erwärmen wollte. O, man sage mir nichts über die Resignation — sie ist unsere Würde, nur sie bewahrt den Mann davor, noch ein taumelnder Jüngling zu sein, da noch der Enthusiast zu sein, wo andere Erkennende sind.“

Das mochte wohl eine Wahrheit bedeuten — aber sie paßte nur auf den, dessen junges Glühen vergangen sein mußte ...

Leonore wachte in dieser Nacht. Nicht durch die letzten Worte, die einer Laune entsprungen sein konnten, war sie so traurig. Nicht durch ein einzelnes Wort. Aber in vielen Tagen der Einsamkeit war sie wissend geworden. Wissend über den Mann mit dem kleinen Mädchen von Berlin, der einmal in einer — Laune Leonore begehrt hatte. Sie verstand jetzt, was ihn einen Augenblick lang zu ihr geführt hatte, verstand, was sie äußerlich verbunden, was sie im Innern unüberbrückbar trennte: es war vielleicht eine Rassenfrage.

Sie kam aus dem Behüteten. Aus ruhiger Entwicklung. Sie dachte in Fernen zurück: in der Frühheimat der mütterlichen Familie standen heute noch Druidensteine — die Kelten hatten das Land besessen. Dieses Volk der Inbrunst und der Schwermut. Die Gedanken verdämmern in weiten Frühzeiten. Blau stand der Himmel, jungfräulich die Erde. Wo jemand tot war, erhebt sich ein steinerner Schrei durch die Jahrtausende. Erobererrufe klingen, noch tönender kommt die Offenbarung der Seele — Aus weitem, weitem Land kam sie den Weg.

Und er? Er — — Vor einer Mühle auf der Hochebene des Weimarischen Landes, dort, wo immer der Wind weht, hatte man ihn gefunden. Eine tote Frau neben ihm. Niemand wußte, woher sie kam. Hinterm Dornbusch war er gezeugt, im Kornfeld geboren. Er wußte keine Vergangenheit. Er wußte keine Vergangenheit, bis er erwachsen war. Da erzählte sie ihm in heißen Nächten wohl sein rinnendes Blut. Von Ausgestoßenen, Heimatlosen kam er, die nichts verpflichtet, die nichts zur Ehrfurcht zwingt, die der Rasse in die sie geworfen werden, als erbitterte Feinde gegenüber stehen.

Es gibt nur eine Verbindung, Verschmelzung zwischen solchen Menschen: die der Liebe. Liebe kann Freundschaft lehren, die Erlösung der Persönlichkeit. Alle hundert Jahre einmal tut sie es. Hier war es nicht geschehen. Er, der sich ausgekämpft hatte, und sie, die das Leben begehrte, hatten sich wohl nie nahe kommen können. Vielleicht nur weil ihr Wille stärker gewesen war als seiner, gingen sie dorthin zurück, wo sie beide den Ursprung nahmen.

Ach — sie wußte es plötzlich — ein Kindheitswunsch war die erste Heimat gewesen — oder ein Wunsch für die, die das Leben gelebt hatten und sich nun zurücksehnten in die Stille eines Gartens, in die Stille hinter Mauern, um die der Wind das Lied der Erinnerung sang.