Und wieder war es Leonore, die zu ihm kam und sagte: laß mich teilnehmen an dem, was dich beschäftigt: ich bin ja noch wie ein unwissendes Kind.
Er war erfreut. Ja, das hatte er immer gewünscht, mit ihr noch einmal die Dinge zu treiben, die ihm in seiner Jugend neu gewesen waren. Literatur- und Kunstgeschichte etwa — ja.
Und so kamen Monate des intellektuellen Lebens ineinander. Er erzählte ihr, er las ihr vor. Vieles, vieles war da, was sie berührte, was ihr Offenbarungen des Verstandes bot.
Eine ganze Bücherei nahmen sie zusammen durch an den länger werdenden Tagen. Und sie half ihm bei seiner Arbeit, sie suchte ihm das, was er brauchte, in den schweren großen Büchern; sie kam sich endlich vor wie ein Famulus bei einem gelehrten Magister. Sie war ja noch bildsam, biegsam, anpassungsfähig. Noch einmal nahm sie mit dem Mut der Jugend das Neue auf, um es zum Guten, zum Lebensvollen umzugestalten.
Mit aller Kraft ihres fröhlich geborenen Herzens versuchte sie, ihm nahe zu sein. —
Vielleicht machen manchmal Menschen, die einander lieben, den Verständigungsweg über Kunstgeschichte, oder sprechen von sozialer Nächstenliebe, während sie nur an ihre persönliche denken. Aber Enttäuschungen der Liebe hat die Beschäftigung mit den Wissenschaften wohl noch nie in neue Zauber verwandelt.
Und da kam es wieder — wieder an einem Abend am Kamin.
Richard Freyer sagte: „Was bist du doch für ein Kind, Leonore. Dir ist alles Tote lebendig.“
„War es dir denn nie?“
„Mir? Ach vielleicht einmal — aber glaubst du, wenn die Männer nicht einen Namen, eine Stellung, Geld davon bekämen, würden sie sich so quälen mit Wissenschaft und Kunst?“