Leonore schwieg. Vielleicht hätte sie ein Wort der Güte finden müssen. Verdiente aber der Kaspar Mühlfund Güte, der nicht einmal mehr für den Unterhalt des Kindes gesorgt hatte — und jetzt immer so zärtlich sagte: Mein armes kleines Mädchen? Und hinter ihren Gedanken hörte sie, wider Willen, das kleine Mädchen sagen: Det is ja richtijes Wassa, richtijes Wassa, und einmal hatte sie ein richtijes Kind jekriejt und war dann mit ihm in ein richtijes Wassa jejangen. Armseliger Kaspar Mühlfund. Armseliges kleines Mädchen. Leonore hatte ein Gefühl von Pein. Sie würgte daran, würgte es hinunter.
„Laß sie schlafen, wir sterben alle einmal. Ob wir große Wünsche hatten oder ein kleines Mädchen, wenn wir tot sein werden, war es einerlei.“ Sie preßte die Worte heraus wie eine Qual.
Sie stand vom Feuer auf und mit einer heftigen Bewegung hob sie den Arm, nahm das eiserne Gerät und zerstörte den Feuerrest im Kamin. „Es ist Nacht, laß uns gehen.“
„Du hast kein Wort für mich, Leonore?“
„Es war wohl dein Schicksal,“ sagte sie, und ihre Stimme klang fern, wie wenn hinter Mauern eine Glocke vertönt, „es war dein Schicksal, und niemand klagt dich an. Du mußt es tragen oder vergessen.“
„Ich will es ja bei dir vergessen, ich habe es fast schon vergessen,“ sagte er und trat zu ihr, „ich habe ja dich!“
„Mich?“ sagte sie, und es war ein stürmischer Hochmut in ihrer Stimme. „Ja, was willst du denn von mir? Deine Toten, diese Toten kann ich dir nicht auferstehen lassen — ich nicht — ich nicht.“
Hinter ihren Trübsalshohngedanken aber jubelte etwas auf: ich werde kein Kind von ihm haben — ich nicht — ich nicht.
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Des Kaspar Mühlfund Seele hatte mit der ihren nichts zu tun. Das wußte sie jetzt. Hier war kein Band der Vereinigung zu schlingen. Doch sie hatte Freyers Wärme und Menschlichkeit genommen, in der Nacht, da sie in dem einsamen Hause bei einer Toten war. Das verpflichtete. Was hatten sie einander wohl noch zu geben, worauf sich das Leben fortbauen konnte? Sie dachte an München, wo sie seine Schülerin gewesen war. Sie meinte nun, sie müsse ihm in seiner intellektuellen Bedeutung nahe zu kommen suchen. Sie hatten ja so viel Zeit — so unendlich viel Zeit —