„Leonore, sage mir, ich bin dein Freund, Leonore, was ist dir?“ — Er rührte ihre Hand nicht an — aber er stand nahe bei ihr, wie jemand, der beschützen will, sei es um die Preisgabe von Scham und Schweigen.

Sie stand — und ihr Gesicht war den Gestirnen zugekehrt. Sie stand, und ihre Hände hingen herab wie müde, weiße Blumen; und um ihren jungen Mund lag der Zug einer inbrünstigen Leidenschaft.

„Leonore, du weinst? Leonore, was ist? —“ O, einer Seele Menschlichkeit war erschüttert in dieser Stunde. Erschrocken, auf das seltsamste berührt von ihrer statuengleichen Schönheit sah Kelt auf sie. „Was ist, liebe Leonore?“

Sie antwortete mit einer weichen, fernen, verführerischen Stimme: „Ein nie gewesener Tag.“

Und langsam, als schritte sie ohne jede bewußte Bewegung, ging sie in das Haus.

VIII.
Die Nacht.

Draußen, vom Turm, schlug die Uhr die Mitternacht. Langsam, in törichter, tönender, quälender Deutlichkeit zerbrachen ihre stummen Rufe die Stille. Langsam, in törichter, tönender, quälender Deutlichkeit drangen die Rufe herein in das mondweiße Zimmer. Leonore lag wach. Lange schon lag sie.

Was war denn, was war denn gewesen, daß alles Alte zerstört und grausam vernichtet lag? Es war nichts gewesen als eine holde Stunde — eine frühlingsholde, junge Stunde. Nichts Böses — was für ein häßliches Wort für das Allerschönste — — Nur eine holde, junge Stunde war gewesen —

Ob Richard wohl schlief? Ja, draußen vom Turm hatte es die Mitternacht geschlagen. Und er wußte alles — wußte nichts.

Was war denn zu wissen? Sie hatten einst ihr Haus zusammen erbaut — ihre feste Burg über der Welt, über den Niederungen des Tales — ihre Burg, die stehen sollte wie ein Heidenmal, unverrückbar, unzerstörbar. Ihre Burg, die aufragen sollte wie ein Heidenaltar auf dem Berge, den Göttern geweiht. Ja, das hatte sie gewollt.