Da klang die Quelle neben ihnen. Unter einer Wacholderwand, die wie voll Zärtlichkeit einen Weidenstumpf umschloß, kam sie zutage. Und Leonore sah die erlöste Quelle wie ein Symbol. Im Tal, da die Zeit schwieg, brach das Leben aus verworrenem Dunkel — löste sich ein ferner Strom, der lange, lange unter Tiefen hatte schlummern müssen. O, so stark war die Nacht. Stark, wie ihre leidgetränkten Farben. — Und noch glühte der Berg wie durchleuchtetes Elfenbein, der Berg, der so lange stumm gelegen hatte.
Und sie gingen durch die leuchtende Tiefe des Sommerabends — im Schweigen, in klingendem Schweigen.
Am Himmel stritten die Lichter des Tages und der Nacht ihren Wechselkampf — der schön und glühend war wie große Taten, die ein Jahrtausend überdauern ...
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Leonore kam in das Mauergärtlein, dorthin, wo sie so oft in den Tagen der Kindheit mit den Gespielen von blauen Fernen gesprochen hatte. Und dort — der leise abschiednehmende Junitag leuchtete noch — saßen die Geschwister Julia und Frederic.
Sie begrüßten einander — sprachen. Und dann ging eines von den Geschwistern fort. Draußen stand noch abschiednehmend der Juniabend — und eines von den Geschwistern ging ...
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Leonore kam durch den Hof. Allein kam sie, allein ging sie, und um ihren jungen Mund lag ein Lächeln voll Hochmut, voll Schmerz — voll überschwenglicher Inbrunst. Sie ging, das Gesicht zu den Gestirnen erhoben, die über der Nacht standen.
„Leonore, Liebe, was ist dir?“
Voll Angst klang die Frage. Vitus Kelt stand neben ihr. „Du — Vitus? O, frage nicht.“