Richard, der immer an das Nützliche, Rechte dachte, zog die Karte heraus. „Wir haben eine helle Nacht zu erwarten,“ sagte er. „Dort steht ja schon ein blasser Mond. Wir wollen doch nicht ewig da bleiben, und haben wohl alle Hunger. Da führt ein Weg durch das Tal nach Jena. Es mag eine gute Stunde sein. Ich schlage vor, wir wollen nach Jena gehen, dort essen und dann mit einem Wagen über die alte weimarische Chaussee zurückfahren. Es ist ein schöner Sommernachtsweg.“
Man war einverstanden. Man suchte das Tal. Es ging einen steilen Abhang hinunter, dann einen gewundenen Weg weiter. Richard Freyer und Vitus Kelt liefen voran als Pfadfinder. Leonore ging mit den Geschwistern nach.
Da plötzlich öffnete sich das Tal. Und es war, als träte man ein in das Reich des Fremden, des Fernen, Niegewesenen. Die Steinabhänge des Tales standen voll Wacholdersäulen. Neben dem Weg erhoben sich hohe Wände von Wacholder wie schwarze Mauern. War es das Tal des Todes, über dem die Zypresse trauerte? War es ein Trugbild des Sommerabends? Alle Farben waren von unwirklicher Stärke. Die Abendsonne und der schon leuchtende Mond am Osthimmel durchglühten alles, machten alles durchsichtig und zugleich voll seltsamer Plastik, wie schwebend in Unwirklichkeit. Der Berg, auf dem die Wacholdersäulen standen, war hell, gleich durchleuchtetem Elfenbein. Der Talgrund grün wie dunkle Smaragde. Die Stämme der Kiefern am Rande des Waldes schienen klingende, goldbraune Geigen. Und dazwischen, wie ein Memento des Todes erhoben sich die schwarzen, feierlichen Wacholdersäulen.
„Was ist hier?“ fragte Julia Morton fast erschrocken.
Und Leonore sagte sanft: „Die Schönheit.“
Ja, als eine unendliche Sanftheit, als ein Zusammenklang alles Zeitlosen stand alles greiflich und doch unnennbar fern, wie der Luft entrückt, dem Wesenlosen anheimgegeben.
Sie gingen weiter, gingen weiter durch die betörende Seltsamkeit. Plötzlich horchte das fremde Mädchen. Hier unten muß ein Wasser rauschen — ein dunkles Wasser.
Die andern vermochten nichts zu hören. „Es ist die Stille, die unsere verwirrten Sinne klingen lassen,“ sagte Frederic Morton. „Alles klingt hier, erinnerungsstark wie Musik, in der alle Leiden, alle Sehnsüchte der Menschheit nachgefühlt, verdichtet sind.“
Und Leonore fühlte dieses farbentönende Schweigen, fühlte es wie eine ungeheure Lust, die ihren Körper durchirrte, die ihre Seele glühend machte, wie den Berg mit den Gespensterzeichen des Todes, der gleich durchleuchtendem Elfenbein war. Stand nicht die Zeit still?
Sie gingen, und blieben doch. Sie gingen, und das Tal nahm kein Ende. Es war wie ein Traum, den man durchschreitet, ein Traum, der nichts auslöscht, kein Gefühl verringert, verblassen läßt.