Der Weg senkte sich, fiel in den Wald ab. Wohl, da ging es zu der Wüstung Moebis — im Wald an einem steingefaßten Brunnen vorbei, dann aufwärts einer Wiese zu: Geröll überall, überwachsene, zerstörte Feuerstellen — versunkene Mauern. Der Thymian blühte auf der Wüstung Moebis.
Sie saßen auf den halbversunkenen Mauern und dachten ferner Zeit. Sie sprachen. Leonore wußte, unterschied kaum, wer sprach. Sie ergänzten einander; sprachen davon, wie sie alle drei als gute Weggenossen in dem Land um den Euphrat gewesen waren — in den Ruinen von Babylon und dort im Schutt der Jahrtausende gegraben hatten. Voll Hoffnung — von jubelndem Tatendrang beseelt. Und wie jeder kleinste Fund fast zu einem Ereignis des Herzens geworden war. Ja, das junge, schöne Mädchen war mit den Männern gegangen als tapferer Kamerad. Seltsam unwirklich klang Leonore das alles. Und nun wollten sie nicht zurückgekehrt sein, um der Erinnerung zu leben. O nein, nur eine Rast brauchten sie. Und dann wollten sie wieder in die Ferne, sie wollten neues Leben dort pflanzen — wollten das alte Land von einem sagenhaften Paradies, das Land der Legende mit neuem Leben erfüllen. Alle Jugend lag ja noch vor ihnen. Was sind Worte, was ist Graben im Schutt. Neue Taten mußten sein. Und sie redeten von den neuen Taten, als wäre es nur der Zufall, ein leicht zu beseitigender Zufall, daß sie noch nicht Helden waren.
Frederic Morton erzählte: „Einmal in einer Nacht kam ein Haufen von wilden Banden gegen unsere Siedlung. O, das war eine Nacht der Gefahr. Schön in ihrer Furchtbarkeit. Und doch nur ein Spiel. Denn es galt nur das Leben — nicht eine Idee.“
Er redete weiter. Leonore hörte nur immer das Wort: es war ein Spiel, denn es galt ja nur das Leben — nicht eine Idee.
Sie hatten den Plan, weiter ins Innere zu gehen. Leonore verstand ja nichts Wirkliches von alledem. Doch Freyer fand das Vorhaben bedenklich. Aber sie meinten, wenn keine Bedenken, keine Kämpfe wären, wo bliebe da der Reiz?
Sie lachten — aber hinter dem Lachen lag Wille. Lag unbeirrbarer Wille.
„Wir haben die Wüstung Moebis ganz vergessen,“ meinte Kelt. „Im dreißigjährigen Krieg, in dieser ungeheuren Psychose — aber seht doch die Berge.“ — Ja, die Berge um Jena glühten auf. Durch eine sonderbare, nicht häufig kommende Luftwirkung glühten sie auf wie Eisen, das aus der Rotglut ins Weiße übergeht. Der kahle Rücken, welcher das Schlachtfeld trägt, der Jenzig, den auf seinem Horn ein zerfallenes Parthenon zu krönen scheint, glühten auf und lagen wie Streifen der Morgenröte über dem Indigoblau der Wälder.
„Die weimarischen Berge sagen uns ja,“ fand Kelt. „Ja zum Glück von Kapellendorf — ja zu den Abenteuern, die hier ein wenig rasten.“
Sie blieben noch. Auf der Wüstung Moebis saßen sie und sahen in Zukünfte und Vergangenheiten — vom Schicksal für einen Augenblick Zusammengeworfene.
Und Leonore ward die Gegenwart schon fast zur Erinnerung, wie uns oft mitten in einer heißen Stunde des Erlebens das beschattende Gefühl kommt: daran wirst du noch oft denken müssen, noch oft.