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Kelt sagte den andern Tag: „Ich habe gelesen, daß in der Nähe oder doch erreichbar von hier die Wüstung Moebis liegt, ein Brunnen, ein zerstörtes Dorf. Dürfen wir das sehen?“
Freyer hatte Bedenken: „Es wird Sie enttäuschen, es ist nur ein Waldbrunnen und eine erhöhte Wiese mit Mauerresten. Leonore kennt es gar nicht, man geht von hier aus doch drei Stunden — und es ist ein mühseliger Weg.“
Aber Leonore wollte, was Kelt wollte, und so ging man am dritten Tag — am zweiten hatte Leonore den Gästen Kapellendorf gezeigt — nach der Wüstung Moebis.
Über die weite Flur ging man, dort, wo die Windmühle das Land beherrscht, unter der Kaspar Mühlfund geboren war — dann durch ein kleines Dorf jenseit der Bahn. Eine alte Kirche steht in einem ummauerten Gottesacker. Eine Pappel davor, der Dorfbaum.
Die Gäste wollten den Kirchhof besehen.
Ja, Leonore wußte, da war ein alter Stein:
Unsere Herzen tragen Wundenmale
Wie der Rasen im Begräbnistale.
Sie standen davor, in der Enge des kleinen Totenackers, der nach Feuchte und Ungepflegtheit roch, trotzdem die Sonne so glühend über dem Lande war. Eine Lindenallee führt den Berg hinan — ein breiter Weg zwischen Linden, die nicht ihre volle Größe haben erreichen können, weil der Boden hart von Steinen ist und der Wind allzuviel die Kronen niederzwang. Man sah über das weimarische Land — die weiten Felder, die blauen Waldhügel, die ins Tal nach Jena abfielen. Indigoblau und sonnengolden stand das Land. Jungfräulich schien es, wie Eroberergrund, in dem noch Hirten Lieder singen, die eben der Erde entstiegen sind in klingender, reiner Morgenfrühe.