Leonore konnte nicht ausdrücken, wie sie sich das Leben der Clemence vorstellte — denn das nie Erlebte geschah, die Cousine kam in das Mauergärtlein um die Kemenate.
Leonore errötete, als die Cousine erschien. Kurtzen sprang auf. Nur Klemens behielt einen schönen Gleichmut.
„O mein gnädigstes Fräulein, welche Freude —“
„Ich wußte nicht, daß Sie hier Ihren geheimen Platz haben!“ sagte Clemence und lächelte ein wenig.
Das Lächeln entflammte Leonore. Sie sagte: „Hier sieht man weit über das Land, und dort steht der Normannenturm. Wir sind oft des Abends da —“
„Ja, man sieht weit,“ fand Clemence, und sie setzte sich auf einen Mauerrand. „Man sagt immer, in Deutschland wird so viel gesungen. Hier höre ich nie jemand singen, warum tun Sie es nicht?“
„Weil wir darauf warten, daß Sie es tun möchten, gnädiges Fräulein.“
Was Dankmar sich traute. Leonore hätte es nie über die Lippen gebracht, und er sagte es in aller Ruhe.
„O, ich habe nur eine kleine Stimme. Verstehen Sie ein englisches Lied?“
„Nein, gnädiges Fräulein. Aber hören, mitempfinden kann ich es wohl.“