Da stand der Normannenturm. Leonore hatte sich unterrichtet. Die Kelten, dieses Volk, dessen Heidenaltäre noch heute aus der Erde ragen, dieses Volk, dem die Mistel heilig war und das seltsame Formeln für eine große Trauer hatte, war von der Normandie und der Bretagne aus herüber nach England gekommen, hatte die dänische Herrschaft zerbrochen und seine Wahrzeichen aufgerichtet: die Normannentürme. Leonore war glücklich, so fühlte sich die Cousine doch nicht ganz einsam hier. Leonore wagte kaum ein Wort an die Cousine. Ein Lindenblatt, das sie einmal hatte fallen lassen, lag in Leonores Tabernakel, nebst einem Bleistift von grüner Farbe, den ihr die Cousine erst geliehen, sodann geschenkt hatte.
„Warum ist denn Eure Cousine so still und traurig?“ fragte Dankmar Kurtzen.
Klemens antwortete, sie sei wohl zu stolz, um mit Unerwachsenen zu reden.
O, machte Leonore, und das drückte aus: Ihr könnt sie nie verstehen — ich allein weiß — —
„Heimweh kann es nicht sein,“ meinte Kurtzen, „sie war ja ein Jahr in Leipzig mit dem Herrn Warren. Da hat sie sich sehr gut amüsiert.“
Wie — die Cousine — die Cousine, durch deren Herz die Melancholie einer sozusagen historischen Trauer zog, hatte sich in Leipzig a—a—müsiert? — „Wer sagt denn das, Dankmar?“
„Sie selbst.“
Wohl, sie hatte sich amüsiert. Sie wußte nicht, was das Wort hieß — sie wollte sagen, Leipzig ist eine ganz nette Stadt, sie wollte niemand kränken. — „Du, Dankmar, du könntest ihr doch ein wenig den Hof machen. So — so wie ein Page, das ist doch — das muß doch eigentlich sein.“
Kurtzen lachte laut. „Herrgott, was hast du doch für ein Stilgefühl, Leonore. Du hast übrigens recht, das gehört sich. Ich will’s mal tun.“
„Ja,“ sagte Leonore langsam, „sie kommt aus einem Land, in dem auf den Burgen —“