Ein früher Barockbau von fürstlicher Größe steht geborgen hinter dem Wassergraben. Noch über dem hohen Hause erhebt sich in gerader Einfachheit die Kemenate. Auf der andern Seite schaut der Normannenturm ins Dorf. Vor dem Tor beschatten Pappeln den Weg. Im Burghof schmiegen sich Linden an die Schloßmauern.

In dem kleinen verfallenen Mauergärtlein vor der Kemenate saßen an einem Vorfrühlingsabend zwei Kinder. Man ließ der Fünfzehnjährigen und dem Burschen Klemens dies glückliche Vorrecht gern. Niemand war daran gelegen, ihre Entwicklung zu beschleunigen. Ihnen beiden schien in ihren innersten Gedanken das Erwachsensein für sie selbst wie eine Art von Erniedrigung. Sie hatten es im Instinkt, daß junge Unmittelbarkeit besser ist als die Weisheit derer, die sie verloren.

Klemens rauchte. Nicht, weil es männlich war, sondern weil es ihm so gut schmeckte wie Äpfel und Birnen. Die gab es noch nicht. Er bot Leonore eine Zigarette an — das Dutzend kostete einen Groschen und die Frühlingsluft verwehte ihre Bitterkeit bald.

„So vor der Konfirmation, es ist ja dumm, das weiß ich. Aber die Großeltern fänden es gewiß ungut.“

„Du bist doch kein Fräulein, Leonore, und der Pastor pafft den ganzen Tag. Als ob es was anderes wäre, Zigaretten zu rauchen als Kaffee zu trinken. Borniert einfach.“

Leonore nahm eine Zigarette. Erstens liebte sie sie ebenso wie Äpfel und Birnen, zweitens konnte sie nicht wohl ihrem Freunde sagen, daß sie nicht immer der Konfirmation und der Religion so überlegen war wie in den Gesprächen mit ihm.

„Dankmar ist wirklich nett, daß er mit dem Vetter nach Weimar ging. Er langweilt sich doch zum Sterben dabei.“

„Ach, Dankmar. Den haben wir doch gern. Der ist viel ritterlicher als du, Klemens. Da geht er mit diesem unsäglichen Menschen, mit diesem Frauenzimmer von einem Gymnasiasten. Es hätte doch viel besser gepaßt, wenn der statt meiner ein Mädchen geworden wäre.“

„Ja, Leonore, es ist schade, daß du ein Mädchen bist. Mußt einmal heiraten und so — das ist wirklich schade um dich.“

„Zum Heiraten werden doch nur die Prinzessinnen gezwungen, Klemens.“