Führe mich du.
Es war eine leise, klagende Melodie, die sich hinzog wie ein Volkslied, das weit und schwermütig sich dehnt wie die weiten Wiesen im Abendscheine — eine kunstlose Melodie, die sich bei dem letzten „Führe mich du“ erhob und in Sehnsucht stehen zu bleiben schien, und die Wiederholung wie ein vertieftes, verklingendes Echo gab.
Nie hätte Leonore vor halbfremden Menschen so gesungen. Nie hätte Leonore ihre Stimme vor Menschen weinen lassen. Aber sie liebte die Cousine. Sie dachte sich nichts dabei, daß die Cousine den Grafen Kurtzen aufforderte, mit ihr ins Zimmer zu gehen und sie auf dem Klavier zu begleiten.
Für Leonore und Klemens war keine Aufforderung erlassen. Leonore saß still und dachte an ferne Dinge. Klemens aber plauderte: „Das Lied ist natürlich von dem Studenten. Wenn ich doch seinen Namen wüßte. Er war ein Findelkind — sie nannten ihn Mühlfund, weil man ihn droben neben der alten Windmühle ausgesetzt fand. Der Vater meinte, er wird seinen Namen später geändert haben.“
Was kümmerte das Leonore. Sie dachte nur: die Cousine ist unglücklich — sie hat etwas Schweres erlebt — ein Schicksal. Und sie ist so schön.
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Leonore hatte gerade mit dem alten Einwaldt eine wichtige Unterredung über Tod und Unsterblichkeit gehabt und kam angeregt und ein wenig eilig über die Gemüsegärten nach dem Schlosse zu. Man brauchte nicht zu wissen, wo sie gewesen war — es könnte die Großeltern kränken, denn sie hielten den alten Einwaldt für einen Spötter. Diese Meinung wollte Leonore gewiß bald berichtigen, aber vorerst ging sie doch zu dem alten Einwaldt wie Nikodemus zum Herrn.
Sie kam an der Gartenfrau vorüber, die raufte das Unkraut auf den Gemüsebeeten aus. Dabei seufzte sie so vernehmlich, daß Leonore stehen blieb und sagte: „Ja, Frau Zeine, was haben Sie denn?“
Frau Zeine war eine echte Thüringerin, darum hatte sie das Bedürfnis, es mit Gesten und Seufzen kundzutun, daß sie ein Kummer drücke. Das kannte Leonore an den Leuten. Aber Frau Zeine war sonst eine freundliche Frau, die den Kopf oben behielt, und so fragte Leonore noch einmal.
Frau Zeine rang sichtlich mit Entschlüssen. Sie warf die Unkrautstauden leidenschaftlich heftig nach dem Haufen, zog ihr Kopftuch zurecht, richtete sich auf und sah Leonore an.