Leonore war viel allein. Nun ging sie oft zu dem Heidenhügel hinter dem Dorf. Ein hoher Erdwall war es, mit alten Buchen bestanden. Und sie dachte manchmal an den Kaspar Mühlfund, der hier draußen Glück und Unglück gehabt hatte. O, sie begriff nun so viel. Die schönen Frauen aus diesem Hause, Mutter und Tochter, hatten ihre junge Liebe betrogen. Was Dankmar noch so lustig gelesen, war ihm eigenes Erleben geworden. Und Leonore lag auf den Heidengräbern und sah über die weiten Kornfelder, die sich dehnten im Sonnenbrand.
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An den Mauern rötete sich der wilde Wein; die Grillen hatten aufgehört zu zirpen, im Garten blühten Astern, und der Wind, der über die Hochebene ging, hatte etwas sonderbar Lockendes, Schmerzliches. Da war es, daß Klemens und Leonore stumm und bedrückt miteinander im Garten standen, und mit ängstlichen Augen auf die bunten Blumen sahen — und daß ihnen keine Abenteuer mehr einfielen und keine Erobererhistorien.
Sie sprachen nichts miteinander, und verlangten doch nacheinander. Sie gingen wortlos, und jedes erwartete vom andern ein Wort. Das kam nicht. Nur der Wind kam zu ihnen und erzählte ihnen von fernen Ländern und von weiten Geschehnissen, und sie dachten beide, wir sind ja Ausgeschlossene, ausgeschlossen von Freude und Hoffnung.
Die Gemeindeschwester ging über den Hof. Die Kinder wechselten einen Blick. Sie konnten nicht sprechen.
Droben in seiner Stube lag der Großvater auf dem Bett. Er war im Wald gefallen. Darüber hatte er erst gelacht, es sei ja nichts gebrochen, sagte er. Aber ein paar Tage später konnte er morgens nicht mehr aufstehen. Da wäre eine innere Verletzung, fand der Arzt. Und nun lag der Großvater und redete nichts mehr als: lasset mich allein. Die Großmutter saß neben seinem Bett und schwieg. Und Tante Charlotte ging mit tränenlosen Augen umher, und manchmal stand der Arzt bei ihr auf dem Korridor und sagte: „Liebes Fräulein Charlotte“ zu ihr, oder: „Sie müssen die Tapfere sein.“ Der Großvater redete nichts. Wußte er, daß er sterben mußte? Er sagte kein Wort. Aber hinter seinem müden Gesicht lag eine Trauer, die den Kindern das Herz zerriß.
Ja, das war oben in der stillen Stube, und die Kinder waren im Garten bei den Blumen.
Da bückte sich Leonore und pflückte die schönsten von den roten Astern. Sie sagte: „Ich will sie dem Großvater bringen.“ Und Klemens merkte, daß sie Tränen in den Augen hatte.
Der Junge sah starr vor sich hin. Er wollte doch ein Mann sein. Aber er und die Freundin waren dem Menschentum noch näher, als sie Mann und Weib nahe waren. Der Junge preßte heraus: „Nun muß er fort von seinem Wald, er hat ihn so sehr geliebt. Ich will ihm Eichenreiser holen.“
Leonore meinte, auch sie müsse tapfer sein, sie müsse zeigen, daß auch die Traurigkeit und die Furcht nicht Macht hatten, sie zu bezwingen. „Geh,“ sagte sie, „ich will bei der Großmutter bleiben.“