Und sie überwand eine rätselhafte und grauenvolle Scheu und ging hinein in das Zimmer, das so still, so unnennbar still war. Sie überwand die Scheu und lächelte und gab dem Großvater die Astern und gab auch eine davon der Großmutter in die bleichen, mühsamen Hände.
„Die blühen noch,“ sagte der Großvater. Das klang Leonore, als hieße es: die Blumen blühen noch und ich bin bald tot.
Sie biß sich ganz tief in die Lippen, daß sie einen scharfen Schmerz spürte, dann sagte sie: „Der Garten ist jetzt so schön. Wenn du wieder heraus kommst, Großvater, wirst du dich freuen. Alles steht voll Sonnenblumen, und die Anna sagt immer: meine Sonnenrosen sind die schönsten. Weil sie sie begossen hat, sagt sie, meine Sonnenrosen.“
Leonore stockte einen Augenblick, dann redete sie weiter: „Vorgestern haben wir die Kassiopeia durch den Turm gesehen. Nachmittags um drei Uhr. Das ist doch wunderlich, noch nie ist es uns geglückt, als vorgestern. Das kommt wohl, weil jetzt die Sonne nicht mehr so nah und mächtig wirkt als im Sommer? Die Anna wollte es aber gar nicht glauben, sie sagte: da hat höchstens der Herr Klemens oben am Turm einen Lampion aufgehängt. So dumm ist die Anna. In der Schule hat sie wohl etwas von mathematischer Geographie gelernt, aber das glaubt sie nicht. Sie sagt, das wäre nur ausgedacht, daß die Kinder was zu lernen hätten.“
„Es ist wohl schon lang her, daß die Anna zur Schule ging,“ sagte der Großvater und lächelte ein klein wenig.
Der alte Mann, der wußte, daß er bald sterben mußte, lächelte ein klein wenig, weil das junge Mädchen, in dessen Augen die Angst lag, ihm zeigen wollte: da war keine Angst, da war nichts, was man fürchten müsse.
„Gestern ist die Anna vom Markt gekommen und war ganz verstört. Alles war teurer, schrie sie und tanzte dabei vor Aufregung in der Küche umher: Alles wird teurer, fünf Pfennig hab ich mehr für das Pfund Fleisch müßt geben — die Menschen, sprech’ch, die Menschen kenn’ sich nicht mehr lang behaupten, was nicht ein Geschäfte hat, das kann bald betteln. Und Krieg gibt es — ja, das hat mir ein sehr anständiger Mann, der mich unterwegs gefragt hat, ob er mich begleiten derfte, erzählt. Und drunten in Bayern hat man Menschen erschlagen, und Soldaten sind verhungert. Aber wie sie nun mitten im Klagen war, ist ihr eingefallen, daß sie die Karpfen aus dem Teich so teuer verkauft hat. Und da fing sie auf einmal an, Freudensprünge zu machen, und erzählte von dem Fischhändler. Der hätte ein Bassin, das wäre eine Sehenswürdigkeit. Großartig. Da schwämmen die Fische wie in einem See — Karpfen und Forellen und Hechte, so stattlich wie Mannsleute. Da bin ich weggelaufen. Ich denke mir oft, wie es wohl in so einer Anna aussieht. Die weiß keine Zusammenhänge, obwohl sie denkt. Die nimmt lauter Bilder auf, und was sie erfassen kann, prägt sich fest — aber dann kommt es wie Schrecken und Entsetzen über sie, wenn sie daran erinnert wird. Was ist das eigentlich für eine Fähigkeit, die uns die Zusammenhänge erkennen läßt, Großvater?“
„Weil wir den Ursachen der Geschehnisse nachgehen können, und weil wir so viel gelernt haben, daß wir an dem Bleibenden des Lebens und an der Erfahrung die Dinge messen, vergleichen und bewerten können, ist uns das Einzelereignis begreiflich und weniger belangvoll.“
Leonore dachte nach. Dann sagte sie: „So viel Furcht haben diese Menschen in sich. In ihnen spuken noch die alten Märchen und alte Geschichten von Krieg und Teuerung. Sie wissen gar nicht, daß man sich sein Schicksal machen kann.“
„Ja, woher weißt denn du das, kleine Leonore?“