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Im Kronengarten wohnten sie nun. Das war ein altes Haus, am Hügel gelegen, vor dem Tor der Stadt, unter den Mauern und Türmen der Ruine von Pappenheim.

Ach, sie war nicht Kapellendorf. Der Saal mit alten Büchern und Bildern war nicht der Saal von Kapellendorf. Das weitläufige Haus schien Leonore klein — die Möbel aus Kapellendorf kamen ihr vor wie im Exil. Alles war anders. Hügel schlossen die Landschaft ein. Schlossen sie ein wie Grabesmauern. Sie war den Blick in weite Fernen gewohnt. Hinter dem Ettersberg war die Sonne untergegangen; vom Ettersberg herüber hatte ein weißes Schloß durch die Dämmerungen geleuchtet. Ueber weite, weite Felder war der Herbstwind gekommen — wie ein Lied der Ewigkeit. Hier zankte er nur mit der Wetterfahne auf dem Römerturm.

Die hülflose Qual heimatloser Nächte — diese grauen, kalten Morgen, die das Unvertraute noch böser machten. Tatenlose Tage. Alles, was man tut, ist ja nur ein Abfall. Sich einrichten, sich einleben, alles ist nur ein Abfall.

So merkwürdig leicht fanden sich die Großmutter und ihre Tochter in das Neue. Sie schlossen sich an den Schwiegersohn, Klemens’ Vater an. Er war lange schon verwitwet und nun froh, wieder sorgende Frauen um sich zu haben. Jeden Tag sprachen sie es aus. Und sie lebten für ihn, als wäre der Großvater schon ganz vergessen. Er hatte auch ähnliche Gewohnheiten wie dieser, das kam wohl von demselben Beruf.

Die Großmutter fühlte sich hier wohl. Sie stammte aus dem Städtchen. Sie war einfach dorthin zurückgekehrt, wo sie den Ausgang genommen hatte. Und wie so viele alte Menschen, schien sie auch innerlich sich zurückzuneigen, zurückzugehen zu dem, was ihre Jugend gewesen war. Der Großmutter war alles hier heimisch. Die Menschen, ihre Sprache, das Haus, der Garten.

Im Garten stand ein altes Steinhaus ganz schief über der Mauer. Fast schien es, als hielten es nur die Arme blutroten Weins vor dem Hinabstürzen. Drunten im Tal floß ein träger, mühseliger Fluß.

In Kapellendorf war der wilde Wein lieberot gewesen. Die stillen Wasser waren herangekommen bis zu den Mauern. Von Kapellendorf aus ging man jetzt in die Wälder, die reifen Beeren des Wachholders zu sammeln. Und jetzt hörte man in Kapellendorf die Windmühle oben von der Höhe her rauschen, immerzu, Stunde für Stunde, weil ihr der Novembersturm, der über das Land brauste, keine Rast ließ. Und bald konnte man in Kapellendorf auf den Schloßgräben Schlittschuh laufen und über die weite Flur im Schlitten dahinjagen.

Hier kam nur der tote Winter.

Leonore ging durch das öde Land. Stumpf und traurig, im Gefühl des Verlassenseins, im Gefühl unwiederbringlichen Verlustes ging sie. — Aber schon war es, daß dieser Schmerz ihr das einzige Gute schien, das sie besaß. Dieser Schmerz um die verlorene Heimat, der ihr noch immer die Tränen in die Augen trieb, wenn sie allein war. Sie ging und wußte nicht einmal, daß sie weinte.