Da kam durch die Lindenallee eine junge Dame auf Leonore zu. Diese Fremde war schon öfters bei der Großmutter gewesen. Sie hatte eine tiefe, weiche Stimme und wirres, dunkles Haar. Sie wohnte ganz allein in der Stadt in einem ererbten Hause.

Leonore gedachte, sich zu verkriechen. Aber schon begrüßte sie Fräulein Reisland. „Sie sollten nicht so allein gehen, Leonore,“ sagte sie, „ich begleite Sie ein wenig.“

Leonore genierte sich. Sie hatte bunte Handschuhe an, die man Tigerpfoten nannte, und die Dame wildlederne. Ja, fast der alten Sackjacke aus Kapellendorf schämte sich Leonore.

„Wohin wollen Sie denn gehen?“

„Ich wollte nur ein wenig hinaus — ich weiß nicht wohin — es ist alles so grau und trübe hier“, antwortete Leonore.

„Sie haben immer noch Heimweh, Kind? und Sie wissen doch, wenn Sie einmal erwachsen sind, können Sie wieder in die alte Heimat kommen.“

„Jetzt“ — sagte Leonore nur.

„Ja, jetzt leben Sie hier. Jetzt müssen Sie es überwinden. Ich weiß ein Wort, das hilft ein wenig, soll ich es Ihnen sagen?“

Leonore nickte.

„Es ist ein kleines Gedicht. Es heißt: