Schauernd verkrochen sich die Menschen in ihre Stuben. Wenn Leonore durch den verschlafenen Ort ging, meinte sie in einer Totenstadt zu sein. Sie liebte es immer, durch die Dämmerung zu gehen. Man sah jetzt gar keine Lichter in der Stadt. Ueberall waren die Fensterläden geschlossen wegen der grimmigen Kälte. Die Leute sehnten sich nach Schnee. Aber seit Wochen war kein neuer mehr auf die kristallharte, weiße Erdkruste gefallen. Die Altmühl lag wie ein gläsernes Band. Selbst die Tiefen des so harmlos scheinenden Gewässers waren mit dickem Eis bedeckt. Keine Mühle im Altmühltal ginge mehr, sagte der Oberförster. Keine Mühle geht mehr? O, dann mußte man ja flußabwärts fahren können. Mit den Schlittschuhen das Land erobern.

Leonore lief und lief. Ja, da lagen die alten Mühlen um Treuchtlingen; wie bewachsen mit Eis schienen sie. Weiter — weiter — da fuhr sie durch das Tor, das der Patrich und der Nagelberg bilden: das Tor ins fränkische Wiesenland.

Sie fuhr in raschem Lauf. Da sah sie ein Dorf unfern des Flusses. Auf dieses Dorf führte von der Altmühl aus eine Reihe von Weihern hin, die zwischen von verkümmerten Bäumen bestandenen Hügeln lagen. Die Weiher zwischen den Erdhügeln lockten Leonore. Sie überschritt Binseneis und ging von einem zum andern. Es lag so eine seltsame Melancholie über dem Ganzen.

Da fuhr ein Mensch auf dem letzten, großen Teich. Leonore sah ihn unbefangen an — nicht anders, als wäre er ein schönes Tier. Der Mensch hatte grünliche Kleider an, die seinem Körper nicht hemmend waren, so wenig, als einem Tier sein Pelz. Der Mensch fuhr zu Leonore heran, wunderlich plastisch stand er da in der Einsamkeit wie aus Erde gewachsen. Sie sah auf einen roten Mund, in ferne Augen, auf unbedeckte Hände voll ruhender Kraft.

Der Mann grüßte — freimütig — als wollte er ausdrücken: ich grüße dich, denn du und ich sehen einander ja doch nie wieder.

Leonore dachte: er lächelt, dieses wunderlich schöne Tier lächelt und doch ist sein Gesicht so still wie von Stein.

Der Mann sagte: „Da treffen sich ja einmal das Nordmeer und das Schwarze. Zwei, die sich noch nie gesehen haben.“

„Meere? Wo sind Meere?“ fragte sie gedankenlos.

„Es ist hier die Fossa Carolina. Der Graben, durch den Carolus Magnus Europa durchqueren wollte. Die paar stillen Weiher sind die Reste.“

Leonore sah um sich, als kämen ihr diese Angaben nicht ganz glaubwürdig vor.