Ich war ein Kind, als ich die liebte, die einen lachenden Tierarzt geheiratet hat, dachte Leonore. Ich war so unwissend und konnte nicht sehen, daß sie nur eine schöne Puppe gewesen ist. Es ist nicht die Schönheit allein. Es ist die Seele, die Wesensart. Nur wer eine einsame und vornehme Seele hat, wird unsere Liebe nie enttäuschen. Darf ich aber die lieben, die eine einsame und vornehme Seele hat, und die nichts tut, was täuscht, wenn ich vorher eine Clemence geliebt habe? Sie war ja schön gewesen, schön und verführerisch. Man glaubte nur das Seltenste von ihr. Sie haben es so leicht, die schön sind. Was in andern Gesichtern erst langsam wird, haben sie als Grundlage vom Zufall. Die Clemence war nicht bloß schön gewesen, ihre Art schien seltsam und eigen beschaffen. Hatte nicht auch Dankmar sich täuschen lassen? Apart und — leer war sie gewesen. Apart und leer. Darf ich denn nun die lieben, die so reich ist und deren Gesicht schöner ist als das schönste, weil es ausdrückt, daß sie eine Seele hat?

Leonore ging in bittern Zweifeln und Kämpfen. Sie würde alles für Fräulein Klothilde getan haben. Sie hätte Giftschlangen herbeigewünscht, um mutig den Kampf mit ihnen zu bestehen — ja, sich den Tod oder doch etwas Gleichwertiges zu holen, wenn sie die Wunde aussog. Oder sie hätte in einer Hungers- oder Wassernot das letzte der schönen Klothilde gebracht. Oder sie aus dem brennenden Erbhaus gerettet. Oder sogar ihre Kleider genäht. Warum ging denn die Welt so elend still in ihren Geleisen? Eine Tat — eine Tat.

Mit einer Tat hätte Leonore wohl beweisen können, daß ihre Liebe zu Fräulein Klothilde etwas ganz anderes war als die zu Clemence.

Kann man vielleicht seine Liebe beweisen, indem man Vokabeln richtig lernt? Ja, Leonore lernte Vokabeln und lernte die Literaturgeschichte auswendig: Stratford on Avon boasts of having been the birth-place of this hero of English literature. The circumstances of his youth are involved in great obscurity. But it is maintained, that his father was a glover or woolcomber. Das klang wie ein Lied, denn Klothilde hatte es vorgelesen.

And often amidst decemberstorm

You’ll hear this voice again —

Die Großmutter war der Meinung, Leonore lerne lauter Poesien in ihren Stunden. Denn Leonore trug die Historien von Handschuhmachern und Wollkämmern wie Welt-Epen vor und erfüllte das Haus mit den Lauten der englischen Sprache, in weniger korrekter als einschmeichelnder Aussprache.

Viermal die Woche ging Leonore in das Erbhaus der Reislands. Sie lernte mit Heftigkeit alles, was man dort von ihr nur entfernt verlangte. Es wurde fast nur auf den Unterricht Bezügliches gesprochen.

Aber als einmal Klothilde über Leonores bräunlich goldene Kraushaare strich, war es um Leonores Fassung geschehen. Sie wußte keine Vokabel mehr und nicht einmal, was es mit Stratford on Avon für eine Bewandtnis hat. Sie saß nur da und lächelte — und lächelte — und als Fräulein Klothilde ihr mit der Lampe später die Treppe hinunter leuchtete, griff sie nach ihrer freien Hand und küßte sie und rannte wie ein Verbrecher in die Dunkelheit des Winterabends hinaus.

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