Diese Nächte, diese heimatlosen Nächte. Da lag Leonore wach, und wenn es nur eine Viertelstunde lang sein mochte, so schien ihr doch diese Viertelstunde eine Ewigkeit des Grams. Sie sehnte sich so entsetzlich. Nach jedem Winkel in Kapellendorf sehnte sie sich. Nach dem Wald, nach den Feldern sehnte sie sich wie nach dem geliebtesten Freund.
Und dann kam der Schlaf. Dann kamen Träume. Heiß und in leuchtenden Farben kamen sie. Ihre Seele schrie nach der Heimat. Ihr junges Blut schrie nach der Heimat ....
Und es war — es war .... Ich habe es schon oft geträumt, ja, damals waren es Träume, damals folgte ein bitteres Erwachen. Aber heute ist es Wirklichkeit.
Sie kam heim — sie kam heim. War nicht die Luft berauschend wie junger Wein? Lag nicht der Morgenglanz des Frühlings, die rote Tiefe des Sommerabends über dem Land? O, ihr Herz war verwundet und jubelnd zugleich. Sie kam heim — über die Felder kam sie, die waren früchteschwer, und ihr Duft berührte wie eine Liebkosung.
Da — durch die Dämmerung glänzte das weiße Schloß am Ettersberg. Und dort — die Talsenkung — die schwarzen Bäume, die vor dem brandrotdüstern Himmel standen, sie umschlossen Kapellendorf. O, sie brauchte nicht zu eilen — o nein. In jedem Augenblick lag Süße. In jedem Augenblick lag Lust. Das Dorf — der Lindenbaum vor der Schenke — ja, ja, ich werde euch alle begrüßen — nachher, jetzt muß ich heim. Alles wartet auf mich. Und da lagen die alten Mauern — sie lagen dunkel und doch leuchtend — und Leonore bebte das Herz. Verhaltenes Glühen — Jubel der Erfüllung.
Da war alles, und sie trat in den Hof. Ja, dort im Gärtlein nickten die Malven, die lieberoten Malven. So vertraut alles, und doch wie neu. Größer, strahlender, herrlicher. Und hier ging der Weg über die Mauern hin, zu dem Frühlingsgärtlein, von dem aus man über das Land sah, weit, weit in Fernen — zu den Freunden und Freuden und Festen zukünftiger Tage hin.
Da — da — der Boden schwankt — unaussprechliche Verheißungen klingen zu mir aus Nacht und Heimkehr. O, nur einen Augenblick noch — das Wunder der Erfüllung tritt hervor.
Da bin ich, da bin ich, du mein geliebtes Land, da bin ich, und die Nacht ist so schwer. Ich kann es ja noch nicht ertragen, noch nicht als Wirklichkeit fühlen. Du leidgetränkter Boden — du schicksalsschwere, jubelnde Nacht. Da bin ich — und ich hebe die Arme. Da bin ich — —
Und Leonore erwachte. — „Dein Lachen endet vor der Morgenröte.“
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