„O, glauben Sie nicht, daß das vorbei ist. Irgendwo will man immer zu Hause sein. Ich war es jetzt vor tausend Jahren — war allein, allein in der Zeit, als die Karlsgräber fortgegangen sind. Das ist doch wundervoll gewesen — das ganze Land wieder leer — nur wilde Möven, wilde Vögel auf den Weihern. — Nun bin ich bei Ihnen zu Hause. So fremd und zutraulich kamen Sie daher. Ein Mensch — zwei Menschen. Sonst nichts. Und jeder bringt ein Jahrtausend mit.“
„Jeder bringt ein Jahrtausend mit?“
„In seinem Blut natürlich. Sie sehen nicht aus, als wäre die Zeit hinter Ihnen tot. Sie tragen schwere und verschwiegene Wünsche aus Fernen her, von Hunderten her mit sich in ein Einzeldasein. Schwere und verschwiegene Wünsche ganzer Generationen, die sich einmal in einem Losgelösten, aus der Art Ragenden, erfüllen wollen.“
Sie sah den Menschen an, der so seltsam plastisch vor ihr stand — fragte, ohne zu wollen: „Wie können Sie das wissen? Sie wissen doch nicht, woher ich komme.“
„O, das weiß ich wohl. Wenn Sie es vielleicht auch noch nicht wissen. Sie haben mich angesehen, und da weiß ich viel von Ihnen.“
„Wer sind Sie denn?“
„Ich will Ihnen lieber sagen, daß ich Kelt heiße. Oben auf der Höhe habe ich einen Bauernhof. Es ist ein Stück Wegs von hier — doch das erzähle ich Ihnen lieber später einmal. Ja, lachen Sie nur, Sie kommen doch wieder. Oder wollen Sie auf der Altmühl fahren? Ist Ihnen das lieber? — Aber wie soll ich Sie nennen? Wie nennen Sie Ihre Freunde?“
„Leonore,“ sagte sie.
„Warum sind Ihre Freunde nicht bei Ihnen, Leonore?“
„Sie sind weit fort. Wir mußten alle fort von zu Hause.“