Leonore war der Baronin dankbar für diese Rede. Denn seit Tante Charlottchen mit Frau Bendler über die großen Gefahren der Großstadt konferiert hatte, war die „Beamtenswitwe“ um das Mitglied ihrer „Benzion“ besorgt, als sei Leonore ein Kind von zwölf Jahren. Und doch war Leonore eben achtzehn, hatte das Sprachexamen gut bestanden und hörte nun Kunstvorlesungen zur Ergänzung ihrer Ausbildung in der Porzellanmalerei.

Iphigenia Baronin Müller hatte sich in Eile wieder verabschiedet. Leonore ging, ein anderes Kleid anzuziehen — den bequemen Rock und die Jacke, zu der sie Leinenkragen trug, mit einem Gewand von edlerer Form und fließenden Linien zu vertauschen. Das mochte Anastasia Planck gern, und sie war eine berühmte Malerin und mußte wissen, was gut aussah.

Leonore stieg hinunter in den zweiten Stock. Es war doch überaus freundlich von Planck und Müller, die ganze Bendlersche Pension zum Abend einzuladen. Bei Bendlers gab es stets etwas, das Herr Tucher „einen Fraß“ nannte, wovon Fräulein Tröster behauptete, ein chronisches Magenleiden zu haben, und was Herr Wredegast als „die Sünden der Väter“ bezeichnete. Hingegen besaß die Baronin Müller die Fähigkeit, in dieser, was das Essen anbelangt, barbarischen Stadt Dinge aufzutreiben und Mahlzeiten herzurichten — beinahe so prächtig, wie man sie in den berühmten Restaurants des beliebten Berlins bekommt. Das war die Vaterstadt der Baronin, und Iphigenia war nur Anastasia Plancks wegen in das Exil gezogen. Es hieß, um zu malen, aber die Baronin verbarg ihre Kunsterzeugnisse noch.

Als Leonore in den Müller-Planckschen Salon kam, dessen Charakteristikum mehrere Diwans voll Kissen bildeten, fand sich nur die Baronin Iphigenia vor. Die umarmte Leonore mit der geläufigen Zärtlichkeit einer Dame, die weiß: alles was von ihr kommt, ist Huld, und nötigte dann Leonore auf eine Chaiselongue.

„Die Mannsbilder sitzen schon im Rauchzimmer,“ sprach die Gastfreundin, „mögen sie nur warten. Wir müssen auch warten. Nacka hat Modell bei sich, jetzt, wo man diese verdammten Leuchtmaschinen erfunden hat, wird das süße Kind schließlich auch noch die Nächte hindurch arbeiten.“

Leonore dünkte es, das süße Kind sei doppelt so alt als sie. Nun das schadet ja nichts.

„O Leonore,“ fuhr Frau von Müller fort, „Sie ahnen nicht, was das ist. Immer hat Nacka diese Aktmodells bei sich. Ich vergehe beinahe!“

Leonore antwortete begütigend: „Sie brauchen ja nicht ins Atelier zu gehen, Frau Baronin, wenn Sie die Modelle nicht sehen mögen.“

„Nein, aber der bloße Gedanke erregt mich.“ — Die Baronin Müller umarmte Leonore von neuem. „Sie dürfen sich nie von Nacka malen lassen — nein, versprechen Sie mir.“

„Aber Fräulein Planck hat mich doch noch gar nicht malen wollen.“