„Hat sie das nicht? Wirklich?“ — Iphigenia Müller schien ganz glücklich.

„Nein, wirklich nicht, Frau Baronin!“

„Sie sind ein liebes Kind — ich muß Sie küssen. Sie sind unsere kleine Prinzeß. Oder wollen Sie lieber der Page sein? Ja, mit Ihrem goldenen Kraushaar sind Sie ein Page. Aber Leonore, sagen Sie doch nicht Frau Baronin zu mir, nennen Sie mich doch Iphigenia. Und zu Nacka müssen Sie nie Fräulein mehr sagen, das kränkt sie. Ein so berühmter Name wirkt allein am schönsten.“

Leonore dachte: Ich will ja alles tun, wenn mich Frau von Müller nur nicht wieder küßt. Sie hatte einen so fransigen Mund, ja, als ob sie ihn mit Scheuerlappen oder einer Zahnbürste behandelte, sah er aus. Vielleicht war das eine Krankheit. Um so unangenehmer, geküßt zu werden.

Leonore fragte: „Was malt denn — Anastasia Planck gerade?“

Die eben besänftigte Iphigenia geriet von neuem in Erregung. „Das ist es ja — ich weiß es nicht. Jeden Abend kommt das Modell in der Dämmerung — es ist Winter, sie hat eine Kapuze und einen Schleier auf — sie läuft direkt ins Atelier, und dann wird zugeschlossen.“

„Vielleicht sollen Sie das Bild zu Weihnachten bekommen,“ sagte Leonore in ermunternder Harmlosigkeit.

„Glauben Sie? Meinen Sie das wirklich? Hat Sie Ihnen vielleicht eine Andeutung gemacht?“

„Das nun nicht. Aber es ist doch sehr wahrscheinlich, wenn Sie es nicht vorher sehen dürfen.“

Schon saß Iphigenia wieder neben Leonore. „Sie liebes Kind — ach, Sie sind so ein Tröster. Wie lieb Sie sprechen können. Ich muß Ihnen die Hand drücken.“